«Spiel, Satz und Sieg» für die Schweiz (de)

Bern, 22.11.2018 - Münchenstein, 22.11.2018: Speech by Federal Councillor Ignazio Cassis at the Economy Day of the Baselland Chamber of Commerce (Topic "Megatrends") - Check against delivery

Sehr geehrter Herr Präsident
Sehr geehrter Herr Direktor
Sehr geehrte Mitglieder des Eidgenössischen Parlaments
Sehr geehrte Damen und Herren aus kantonalen und kommunalen Regierungen und Parlamenten
Meine Damen und Herren

Ich freue mich sehr, hier in der St. Jakobshalle in Münchenstein am heutigen Anlass der Wirtschaftskammer Baselland teilzunehmen.
- In der Halle, die neu renoviert und modern gestaltet ist. Sie bietet also einen würdigen Rahmen für den Tag der Wirtschaft.
- Und vor allem in der Halle, in der vor wenigen Wochen Roger Federer seinen 9. Sieg bei den Swiss Indoors errungen hat.

Diese Leistung führt uns nämlich direkt auf das Leitthema des heutigen Abends.
Neun Siege an einem Turnier kann man mit Fug und Recht als einen sportlichen Megatrend bezeichnen. Insbesondere auch, wenn man die weiteren 98 Turniersiege betrachtet, die Roger Federer in seiner Karriere bislang erreicht hat.

1. Megatrend - Definition

Vielleicht müssten wir deshalb die Definition von John Naisbitt anpassen. Der amerikanische Politologe hat Anfang der 80er-Jahre den Begriff «Megatrend» geprägt und Megatrends als «grosse soziale, wirtschaftliche, politische und technologische Veränderungen» umschrieben.

Von «sportlichen Veränderungen» ist hier noch nicht die Rede!

Megatrends würden uns «zwischen sieben und zehn Jahren, oder länger» beeinflussen, schrieb Naisbitt. Bei Roger Federer hält die Begeisterung für sein Spiel sogar noch länger an. Ich bin überzeugt, dass auch solche sportlichen Leistungen unser Weltbild und unser Denken beeinflussen können. Und auch der Imagegewinn für unser Land ist hier nicht zu unterschätzen!

2. Megatrend – in welche Richtung?

Doch was macht einen Megatrend zum Megatrend? Das englische Verb «to trend» bedeutet zunächst einmal «eine bestimmte Richtung haben». Welche Richtung gemeint ist, ist damit noch offen.

Das wird auch nicht deutlicher, wenn man auf das mittelhochdeutsche Wort «trendeln» blickt:
«trendeln» bedeutete «rollen», «wälzen» oder «wirbeln». Das erinnert eher an die Herbstmesse in Ihrem Nachbarkanton. Ich selbst konnte in Basel einen Moment lang diese tolle Stimmung geniessen!

Sicher ist: Ein Megatrend ist eine Entwicklung, die nicht unbemerkt an uns vorbeigeht.
Im Gegenteil: Sie betrifft uns alle. Wir müssen uns den Megatrends stellen und auf sie reagieren!


3. Demografie

Demografische Entwicklungen zum Beispiel betreffen uns auf vielen Ebenen.

Sie verändern unser Bild vom Leben:

  • Wer mit 65 Jahren in Pension geht, ist heute keineswegs «alt», sondern kann meist bei guter Gesundheit einen neuen Lebensabschnitt in Angriff nehmen.
  • Und wir werden immer älter: Von der «Generation 1900» wurde weniger als ein Prozent der Männer und Frauen 100 Jahre alt. Von der «Generation 2013» hingegen werden wahrscheinlich rund 18 % der Männer und 24 % der Frauen das Jahr 2113 erleben. Älterwerden wird zur Normalität.

Gleichzeitig stellt der demografische Megatrend die Gesellschaft vor Fragen.
- Was bedeutet die Alterung der Bevölkerung für die Altersvorsorge?
- für das Gesundheitssystem?
- für die Familienstruktur?
- für die intergenerationale Solidarität?
- und für viele weitere Bereiche des Zusammenlebens, vom Wohnen hin zur Mobilität?

4. Digitalisierung

Ähnliches gilt für die Digitalisierung: Auch dieser Megatrend eröffnet uns dank neuer Technologien viele Möglichkeiten – und er stellt uns vor neue Fragen.

Zum Beispiel wie sich Berufsprofile durch die Digitalisierung ändern, welche Folgen dies für bestehende Arbeitsplätze hat - und wie sich die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Gesellschaftsordnung dadurch ändern könnten.

Werden beispielsweise Bundesräte künftig durch Roboter ersetzt...? 

Im Ernst: Der nationale Digitaltag vor wenigen Wochen war eine gute Möglichkeit, um verschiedene Aspekte rund um die Digitalisierung in der Öffentlichkeit breit zu diskutieren. Auch Ihre Wirtschaftskammer hat ihren letzten Tag der Wirtschaft diesem Thema gewidmet. Die Digitalisierung fordert uns alle: Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und alle weiteren Bereiche unserer Gesellschaft.

5. Multipolare Weltordnung

Dies gilt auch für die Aussenpolitik. Die letzten Jahrzehnte waren geprägt von der Konkurrenz zweier politischer Systeme:

- Kapitalismus hier, Sozialismus dort;
- Marktwirtschaft hier, Planwirtschaft dort;
- Demokratie hier, Autokratie dort.

Die USA und die Sowjetunion standen für zwei Weltanschauungen, die sich widersprachen. Die übrigen Staaten mussten ihren Platz in dieser Ordnung finden.

Heute erleben wir den «Megatrend» hin zu einem multipolaren System. Neben den USA und Russland sind mit China, Indien, der Türkei, Brasilien oder Südafrika weitere Staaten in Erscheinung getreten, die ihre Machtansprüche geltend machen. Kapitalismus reimte sich zudem immer mit Demokratie: Diese Zeit ist heute vorbei.

China deutet nämlich an, dass Kapitalismus nicht mehr eindeutig mit Demokratie verbunden sein muss.
Es gibt heute keinen einzig gültigen und von allen anerkannten Ordnungsrahmen mehr.

- Was bedeutet dieser Wandel nun für unser Land?
- Welche Folgen hat ein multipolares System für die weltweite Zusammenarbeit?
- Welche Herausforderungen entstehen daraus?
- Müssen wir unsere Positionen neu definieren?

6. Aussenpolitik ist Innenpolitik

Bei der Aussenpolitik gibt es zwar keinen «Digitaltag», dafür ist für mich die Devise «Aussenpolitik ist Innenpolitik» zentral: Seit meinem ersten Tag im Bundesrat diskutiere ich unsere Aussenpolitik im Parlament und mit der Bevölkerung.

Nur wenn unsere Aussenpolitik von den Menschen in unserem Land verstanden wird und gut verankert ist, können wir im Ausland als «die Schweiz» auftreten.

7. Angst

Meine Damen und Herren

Sind Megatrends ein Risiko oder eine Chance? Kurz geantwortet: Das liegt an uns!

An sich sind Megatrends «neutral». Aber sie stellen Bewährtes in Frage. Was bisher selbstverständlich war, ist nun plötzlich offen. Das kann zu Unsicherheit führen, ja sogar zu Angst.

Diese Reaktion ist verständlich, allerdings ist Angst nie ein guter Ratgeber. Wie Johann Wolfgang von Goethe sagte: «Die ganze Welt ist voll armer Teufel, denen mehr oder weniger – angst ist".

Deshalb ist für mich klar: Befürchtungen sind normal. Wir müssen Megatrends als Chance verstehen und die Befürchtungen als Antrieb nutzen, um tragfähige Lösungen zu finden.
Stellen wir also die Fragen. Klären wir den Sachverhalt mit Logik und Vernunft – und entscheiden wir dann gemeinsam, wie wir weitergehen.


8. Demagogie

In der Schweiz haben wir die richtige Voraussetzung dafür:

  1. Die Bevölkerung ist gut gebildet. Seit der Aufklärung haben wir uns von den Vorurteilen emanzipiert und die Vernunft als universelle Urteilsinstanz aufgenommen.
  2. Die Bevölkerung nimmt direkt am politischen Entscheidprozess teil. Sie ist deshalb auch in die Diskussion über Megatrends eingebunden. Wir erleben hier am Tag der Wirtschaft ein gutes Beispiel, wie dies konkret geschieht!


Damit sind wir gut gegen Angst gerüstet. Die Gefahr einer demagogischen Entgleisung - einer Volksverführung - ist zwar immer da, dürfte aber auch bei Megatrends keine sehr grosse sein.

Sie haben heute bereits über verschiedene Zukunftsbereiche diskutiert: Energie, Wasser, Recycling, Demografie, Digitalisierung. Überall bieten sich Möglichkeiten für innovative Ansätze.

Warten wir also nicht, bis die Angst um Arbeitsplätze, Wettbewerbsfähigkeit oder Eigenständigkeit überhandnimmt. Handeln wir heute. Nutzen wir die Pluralität der Meinungen und setzen wir die Vernunft ins Zentrum.

Nehmen wir so unsere Zukunft in die Hand, dann handeln wir nicht anders als der Baselbieter Tennisspieler, der einst ja auch in Münchenstein in die Schule ging, bevor er in der St. Jakobshalle seine Turniere gewann:
Machen wir doch einen Schritt nach dem anderen - bis zum Matchball und dem «Spiel, Satz und Sieg» für unser Land!

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.


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Last modification 03.10.2018

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