Offizielle Rede von Bundespräsident Guy Parmelin anlässlich des Staatsbesuchs von Präsident Karol Nawrocki, Republik Polen
Bern, 27.05.2026 — Es gilt das gesprochene Wort
Herr Präsident
Frau Nawrocka
Exzellenzen
Liebe Bundesrats-Kolleginnen und -Kollegen
meine Damen und Herren
Herr Präsident, wir freuen uns sehr, dass Sie und Ihre Delegation die Schweiz besuchen.
Kaum eine europäische Nation hat eine dermassen wechselreiche Geschichte wie Polen. Und in quasi jeder Phase der neuzeitlichen polnischen Geschichte entstanden Verbindungen zur Schweiz. In mehreren unserer Orte erinnern Museen und Ausstellungen an diese historischen Bande, so das Polenmuseum in Rapperswil, das Kościuszko-Museum in Solothurn oder das Paderewski-Museum in Morges.
Wie Sie als Historiker wissen, wurde die Verbindung zwischen unseren Ländern auch durch die fast 13'000 polnischen Soldaten gestärkt, die während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz interniert waren. Sie
hinterliessen bleibende Spuren, entwässerten Sumpfgebiete, bauten Strassen und reaktivierten Kohlebergwerke. Mehr als 400 von ihnen erwarben an Schweizer Universitäten einen Hochschulabschluss. Diese gemeinsame Geschichte von Kameradschaft und gegenseitigem Respekt wird in der Schweiz bis heute geschätzt.
Um die Verbindungen zwischen unseren Ländern zu unterstreichen, müssen wir aber nicht so weit zurückblicken. Wir können auch darauf verweisen, dass seit der Wende 1989 in jedem Jahrzehnt ein polnischer Präsident auf Staatsbesuch in der Schweiz war. Da unser Land nur einen europäischen Staatsbesuch pro Jahr organisiert, ist das ein Zeichen echter und enger Verbundenheit.
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Herr Präsident
Exzellenzen
Seit dem letzten polnischen Staatsbesuch in der Schweiz sind 14 Jahre vergangen. Es waren Jahre des Wandels, geprägt von technologischen Quantensprüngen, aber auch geopolitischen Verwerfungen, einer globalen Pandemie und neuen Kriegen.
Es ist eindrücklich, wie sich Polen in dieser unsicheren Zeit entwickelt hat. Es ist zu einem der Wirtschaftsmotoren unseres Kontinents geworden – mit besonderen Stärken in zukunftsweisenden Branchen wie IT, Fintech und Künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig entstehen in der Weltraumforschung und der Quantentechnologie neue, schnell wachsende Innovationsfelder. Kulturell, etwa in der Literatur, im Film oder in der zeitgenössischen Kunst, ist die Ausstrahlung ebenfalls gross.
Was die Polinnen und Polen gemeinsam erreicht haben, verdient Respekt. In dieser Zeit des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufschwungs Polens sind auch die Beziehungen unserer Länder immer stärker geworden. Das gilt für alle Bereiche der bilateralen Kontakte.
Wirtschaftlich gesehen ist Polen heute der wichtigste Handelspartner der Schweiz in Zentraleuropa und Schweizer Unternehmen sind die zehntgrössten ausländischen Investoren in Polen. Auch der Erweiterungsbeitrag und der zweite Beitrag an ausgewählte EU-Mitgliedstaaten haben die Zusammenarbeit verstärkt.
In diesem Rahmen werden aktuell zum Beispiel mehr als ein Dutzend mittelgrosse polnische Städte bei Anliegen wie Wirtschaftswachstum und Beschäftigung, Umwelt- und Klimaschutz oder Gesundheits- und Sozialdienstleistungen unterstützt. Der Schweizer Beitrag beruht auf Partnerschaft, Wissensaustausch und Vertrauen; beide Seiten profitieren davon. Denn wenn eine polnische Stadt ihre Infrastruktur verbessert, ist das für die gesamte Wirtschaft der Region von Vorteil und damit auch die zahlreichen dort tätigen Schweizer Unternehmen. Gleiches gilt für das Kooperationsprogramm in der angewandten Forschung, das talentierten Fachkräften beider Länder ermöglicht, Innovationen voranzutreiben und Projekte durchzuführen.
Gerade bei Wissenschaft und Forschung sehen wir viel Potenzial. Vor rund einem Jahr habe ich in Poznań eine Absichtserklärung unterzeichnet, um die Zusammenarbeit in Forschung, Bildung und Innovation zu stärken. Ich bin überzeugt, dass wir dabei gemeinsam noch viel erreichen können.
Das Erreichte dann auch zu schützen, ist Aufgabe der Sicherheitspolitik. Die Lage auf unserem Kontinent hat sich auf eine Weise verschärft, wie es sich beim letzten Staatsbesuch eines polnischen Präsidenten 2012 nur die ärgsten Pessimisten hätten vorstellen wollen. Aufgrund seiner geografischen Lage ist Polen den Bedrohungen unserer Zeit unmittelbar ausgesetzt – und zugleich gut darauf vorbereitet.
Es ist daher nur folgerichtig, dass sich die Beziehungen zwischen unseren Ländern auch in diesem Bereich vertieft haben. Ein intensiver politischer Dialog ermöglicht einen engen Austausch über die Gefahren und deren wirksame Bekämpfung. Dies manifestiert sich konkret in der operativen Kooperation, etwa in der Cyberverteidigung, der militärischen Ausbildung, in gemeinsamen Übungen oder im Wissensaustausch. Kürzlich haben die Schweiz und Polen zudem eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit im Cyberraum unterzeichnet.
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Herr Präsident
Exzellenzen
Im Cyberraum gibt es keine Grenzen. In der Geographie schon. Da können wir feststellen: Polen und die Schweiz haben keine gemeinsame Grenze, aber seit langem unzählige Berührungspunkte. In der Gegenwart sind die Kontakte ausgezeichnet. Und vor allem sehe ich einer Zeit, in der sich eine Krise auf die andere aufpfropft, in den Beziehungen unserer Staaten ein Gegenmodell: Viele Zukunftschancen!
Herr Präsident, Frau Nawrocka, der Bundesrat in corpore freut sich sehr über Ihren Besuch, auf den heutigen Austausch und auf die künftigen Kontakte zwischen unseren Ländern!