Zum Hauptinhalt springen

RedeVeröffentlicht am 25. August 2025

Festrede Executive MPA 2025 vom 22. August 2025

Bern, 22.08.2025 — Rathaus Bern
Viktor Rossi, Bundeskanzler

Geschätzte Mitglieder der Programmleitung des Executive MPA

Sehr geehrte Frauen Professorinnen und Herren Professoren

Sehr geehrter Herr Gemeinderat [von Graffenried]

Sehr geehrte Frau Staatsschreiberin [Arioli]

Sehr geehrter Herr Staatsschreiber [Auer]

Sehr geehrter Herr Generalsekretär des Grossen Rates

Liebe Festgemeinde

Und nun zu den klugen Köpfen, die uns hier und heute zusammengebracht haben und Anlass zu dieser schönen Feier sind:

Liebe Neudiplomierte des Studiengangs «Executive Master of Public Administration»

Als Bundeskanzler und, wie verschiedentlich gesagt wird, «oberster Beamter der Schweiz» ist es mir eine Ehre, an der Diplomfeier Ihres Executive MPA-Lehrgangs die Festrede halten zu dürfen. Ich danke daher der Universität Bern – insbesondere dem Kompetenzzentrum für Public Management – für die Einladung.

Vor allem aber gebühren Ihnen, geschätzte Absolventinnen und Absolventen, meine herzlichen Glückwünsche: Sie haben berufsbegleitend einen anspruchsvollen Weiterbildungsstudiengang für höhere Verwaltungskader erfolgreich abgeschlossen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Sie haben Durchhaltewillen und Neugier bewiesen und sich interdisziplinäres Wissen im Public Management angeeignet. Dieses Rüstzeug wird Ihnen im Führungsalltag in der öffentlichen Verwaltung und darüber hinaus helfen.

Sie treten heute in den Kreis von über 500 Führungskräften ein, welche diesen Lehrgang seit 2003 absolviert haben. Viele bekannte Persönlichkeiten aus Verwaltung und Politik zählen zu den Alumni. Einige sind heute hier im Rathaus anwesend. Diese breite und erfolgreiche Alumni-Basis zeigt, wie wertvoll die Ausbildung für unsere Staatsverwaltung ist.

Mit Ihrem frisch erworbenen Mastertitel und den neuen und erweiterten Kompetenzen verbinden Sie höchste Professionalität mit dem Anspruch, unserem Gemeinwesen zu dienen. In meiner Festrede möchte ich Ihnen drei Gedanken mit auf den Weg geben, die den Bogen spannen von Ihrer täglichen Verwaltungsarbeit über Führungsfragen bin hin zur für mich zentralsten Sache in unserem Leben:

1.   Stehen Sie selbstbewusst zur öffentlichen Verwaltung und bekämpfen Sie schlechte Bürokratie.

2.   Praktizieren Sie echtes Leadership.

3.   Titel und Diplome sind wichtig; versuchen, ein guter Mensch zu sein, ist noch wichtiger.

Lassen Sie mich diese drei Punkte etwas genauer ausführen.

1.   Selbstbewusst zur öffentlichen Verwaltung stehen und schlechte Bürokratie bekämpfen

Öffentliche Verwaltung wird nicht selten mit dem Wort «Bürokratie» verbunden und nicht selten als Schimpfwort verwendet. Sie wird assoziiert mit angestaubten Papierstapeln, starren, sinnarmen Vorgaben und Verschwendung von Steuergeldern.

Sie haben vielleicht auch schon den Spruch gehört: Bürokratie sei die Kunst, das Mögliche unmöglich zu machen. Und tatsächlich, wir kennen alle Beispiele unnötiger oder gar hinderlicher Bürokratie. Verfahren, die sich endlos hinziehen oder digitale Prozesse, die am Ende doch einen Papierausdruck verlangen. Solche Dinge frustrieren Bürgerinnen und Bürger wie auch Unternehmen – und oft auch uns innerhalb der Verwaltung.

Aber Bürokratie an sich ist nichts Schlechtes; im Gegenteil. Lassen Sie uns nicht vergessen, warum es Verwaltung gibt und was sie tagtäglich leistet. Eine gute Verwaltung sorgt dafür, dass ein komplexes Gemeinwesen überhaupt funktioniert. Sie gewährleistet, dass Gesetze fair und verlässlich umgesetzt werden, dass öffentliche Dienste für alle verfügbar sind und dass der Staat handlungsfähig bleibt – kurz: dass Stabilität, Ordnung, Gerechtigkeit und Sicherheit herrschen. Unserer Arbeit – Ihre Arbeit – bildet also die Grundlage dafür, dass unser Rechtsstaat jeden Tag praktisch gelebt werden kann. Darauf dürfen Sie stolz sein. Stehen Sie selbstbewusst zu Ihrer Rolle! Und Ja, Verwaltung wird nicht mit Glanz und Glamour assoziiert. Ein gutes neues Gesetz oder eine effiziente IT-Lösung in der Verwaltung – und diese Beispiele gibt es – schafft es selten auf die Titelseiten. Für die öffentliche Verwaltung einzustehen, ist daher kein selbstmörderisches Karriere-Manöver, sondern eine notwendige Verteidigung einer oft unterschätzten Institution.

Das heisst nicht, dass wir uns mit schlechter Bürokratie abfinden dürfen – denn auch diese gibt es! Als Führungskräfte im öffentlichen Sektor ist es auch Ihre Aufgabe, unnötige Bürokratie abzubauen und Abläufe entlang der Bedürfnisse unserer Bürgerinnen und Einwohner sowie unserer Unternehmen auszugestalten.

Schlechte Verwaltung – ineffizient, arrogant, intransparent – schwächt das Vertrauen in den Staat. Gute Verwaltung dagegen schafft Vertrauen und Mehrwert. Diesen Unterschied zu machen, liegt nun zu einem grossen Teil auch in Ihren Händen.

Sie sehen: Für die öffentliche Verwaltung einzustehen heisst zweierlei – intern kämpfen gegen schlechte Bürokratie und extern überzeugend auftreten für die wichtige Arbeit, die wir leisten. Beides erfordert Rückgrat. Ich bin überzeugt, Sie haben dieses Rückgrat – sonst hätten Sie sich nicht auf diesen Lehrgang eingelassen und würden nicht Verantwortung als höheres Verwaltungskader übernehmen wollen.

Damit komme ich zum zweiten Punkt: Praktizieren Sie echtes Leadership! Oder: Rezepte nützen nichts ohne die besten Zutaten.

Meine zweite Botschaft knüpft direkt an die erste an: Wenn wir sagen, die Bürgerinnen und Bürger und unsere Unternehmen haben ein Anrecht auf die bestmögliche Verwaltung für ihre Steuergelder, dann müssen wir als Verwaltung auch das Beste liefern. Exzellenz hängt trotz aller technologischer Entwicklungen aber in erster Linie an den Menschen, welche die Verwaltungsabläufe beschreiben oder die Technologie sinnhaft und zweckmässig einsetzen. Oder um ein Bild zu gebrauchen: Selbst das genialste Rezept führt nicht zu einem guten Gericht, wenn die Zutaten mangelhaft sind. Genauso verhält es sich in der öffentlichen Verwaltung: Gute Konzepte, Gesetze, Strategien – all das bleibt auf dem Papier (bzw. dem Tablet), wenn wir nicht die besten Mitarbeitenden haben, um sie umzusetzen.

Ich spreche dieses Thema mit voller Überzeugung an, denn mein eigener Werdegang hat mir diese Lektion gelehrt. Einige von Ihnen wissen es vielleicht: Ich habe nach der obligatorischen Schulzeit eine Kochlehre absolviert und konnte 1984 wahrscheinlich nicht alle Namen der damals amtierenden Bundesräte[1] aufzählen; dass die Schweiz auch einen Bundeskanzler hat, wusste ich definitiv nicht. Aus jener Zeit habe ich fürs Leben – und für die Verwaltung – mehr gelernt, als man denken könnte, wenn man noch nicht in der Küche eines Restaurants gearbeitet hat. So habe ich u.a. erlebt, was Teamarbeit und Vertrauen wirklich bedeuten. Jede und jeder in der Küchenbrigade hat seine Aufgabe, aber nur wenn alle Rädchen ineinandergreifen, kommt ein gutes Menü heraus. Ansonsten nützt das beste Rezept nichts.

Als Führungskräfte sind Sie quasi die Chefköchinnen und Sous-Chefs Ihrer Organisation. Sie müssen nicht nur das richtige Rezept aussuchen – d.h. klare Ziele und Pläne definieren, sondern Sie müssen für die richtigen Zutaten sorgen – sprich: die richtigen Leute mit den passenden Fähigkeiten zum Kochen einsetzen.

Nun stehen wir in der öffentlichen Verwaltung auch vor der Herausforderung, talentierte Fachkräfte zu finden und zu halten. Der Kampf um die klügsten Köpfe macht vor dem Staat nicht halt. Dem stehen Forderungen gegenüber, die Löhne in der Verwaltung einzufrieren, weil diese deutlich höher seien als in der Privatwirtschaft. Ich verzichte darauf zu sagen, dass eine genauere Prüfung dieser Aussagen zum Schluss kommt, dass sich die Löhne der Bundesverwaltung auf vergleichbarer Höhe wie bei ähnlichen Arbeitgebern in privaten Sektoren bewegen.

Warum erwähne ich das? Nicht um unsere Lohnpolitik zu verteidigen, sondern um einen zentralen Leadership-Grundsatz zu betonen: Wir können nur dann die besten Leistungen erbringen, wenn wir auch die besten Leuten rekrutieren und motivieren. Führung heisst daher v.a., ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen gerne ihr Bestes geben.

Ich fasse meine zweite Botschaft wie folgt zusammen: Unsere Einwohner, unsere Bürgerinnen und Unternehmen verdienen die beste Verwaltung. Um dem gerecht zu werden, brauchen wir die besten Leute und das beste Führungsverhalten. Kümmern Sie sich also um Ihre «Zutaten» - pflegen und fördern Sie Ihre Mitarbeitenden, schaffen Sie ein Klima der Excellence. Und vergessen Sie nie: Wir verwalten nicht zum Selbstzweck, sondern um den Menschen und unserer Wirtschaft zu dienen. Wenn Sie das stets mitdenken, werden Sie automatisch die richtigen Prioritäten setzen.

Und damit komme ich zu meiner dritten und persönlichsten Botschaft: Titel und Diplome sind wichtig; ein guter Mensch sein ist noch wichtiger.

Sie erhalten gleich den Master of Public Administration überreicht – eine Auszeichnung, auf die Sie stolz sein können. Titel und Abschlüsse haben im öffentlichen Sektor ihren Platz. Sie dokumentieren Fachwissen, sie eröffnen Karrierechancen, sie sind auch ein Signal an Arbeitgeber und Öffentlichkeit, dass man sich qualifizert hat. Ich will die Bedeutung von Titeln und Diplomen im generellen und Ihren Abschluss im Speziellen in keiner Art und Weise schmälern. Und doch sollten wir nicht vergessen, worauf es für uns alle wirklich ankommt.

2014 ist das Buch «Der Weg zum Wesentlichen» von Stephen R. Covey, einem Managementautor, erschienen. Ein Buch über das persönliche Zeit- und Lebensmangement. Er beschreibt darin eine eindrückliche Übung: Er rät, sich die eigene Grabrede auszumalen. Stellen Sie sich vor, Ihre Familie, Ihre Freunde und Ihre Arbeitskollegen versammeln sich eines Tages bei Ihrer Beerdigung. (Sie können sich auch vorstellen, es handelt sich um Ihren 80. Geburtstag oder so.) Nacheinander ergreift jeder das Wort und erzählt, was für ein Mensch Sie gewesen sind. Was glauben Sie, werden die Leute sagen? Noch wichtiger: Was möchten Sie, dass sie sagen? Wahrscheinlich nichts in der Art von «Sie hat immer Überstunden gemacht und jede E-Mail sofort beantwortet». Stattdessen werden wir wohl eher hoffen, dass man über uns sagt: Wir waren humorvoll. Wir waren engagiert und zuverlässig. Wir haben andere gefördert und unterstützt. Wir hatten Mitgefühl. Genau diese Qualitäten bleiben in Erinnerung und die Wirkung, die wir im Leben anderer Menschen hatten.

Diese Perspektive – sich vom Ende her zu betrachten – ist keine neue Weisheit. Schon die Stoiker in der Antike pflegten das Memento Mori, die Erinnerung an die eigene Sterblichkeit, um sich immer wieder auf das Wesentliche zu besinnen. Auch Albert Einstein, welche viele nur mit seinem Genie für Physik in Verbindung bringen, sagte einmal: «Versuche nicht, ein erfolgreicher, sondern ein wertvoller Mensch zu werden.».

Ich finde, dass trifft den Kern. Erfolg – das sind Titel, Positionen, Auszeichnungen. Wertvoll – das sind Sie für andere Menschen, durch Ihren Charakter und Ihre Taten im beruflichen und privaten Alltag.

Sie haben viel investiert, um in die Postition zu kommen, in der Sie sind – und vielleicht noch weiter aufzusteigen. Aber vergessen Sie nie, dass Führung nicht nur im Büro stattfindet. Führen heisst auch, da zu sein für Kolleginnen und Kollegen in Notsituationen, menschliche Wärme zu zeigen. Kümmern Sie sich um die Beziehungen um Sie herum – privat wie beruflich. Denn am Ende wird man Sie nicht an Ihren Titeln mesen, sondern daran, wie Sie als Mensch gewirkt und was Sie bewirkt haben.

Meine Damen und Herren, liebe Absolventinnen und Absolventen, ich komme zum Schluss. Ich habe über drei Punkte gesprochen: Selbstbewusst für die öffentliche Verwaltung einzustehen, echtes Leadership zu zeigen – und über den guten Menschen.

Seien Sie stolze und mutige Vertreterinnen und Vertreter unserer öffentlichen Verwaltung, die sich nicht scheuen, für den Service public einzustehen und gleichzeitig verkrustete Strukturen aufzubrechen. Seien Sie engagierte und inspirierende Führungskräfte, die mit Kopf und Herz ihre Teams leiten, Talente fördern und Einwohnerinnen und Bürgern sowie Unternehmen die bestmögliche Dienstleistung bringen. Und – vielleicht am wichtigsten – bleiben Sie authentische, verantwortungsbewusste und mitfühlende Menschen, die jeden Tag so handeln, dass sie sich am Abend im Spiegel in die Augen schauen können.

In diesem Sinne: Alles Gute für Ihren weiteren Lebens- und Berufsweg!

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und nochmals herzliche Gratulation zum «Executive MPA»!

[1] Bundesräte (1984): Leon Schlumpf, Pierre Aubert, Jean-Pascal Delamuraz, Otto Stich, Arnold Koller, Elisabeth Kopp, Alphons Egli.