Inauguration de la nouvelle salle d’exposition de l’abbaye de Saint-Gall (DE)

Saint-Gall, 12.04.2019 - Allocution du conseiller fédéral Alain Berset à l’occasion de l’inauguration de la nouvelle salle d’exposition de l’abbaye de Saint-Gall – seules les paroles prononcées font foi.

Die Eröffnung des neuen Ausstellungssaals hier im des Stiftsbezirk ist ein Ereignis. Ein Ereignis - und ein Erlebnis.

Es ist faszinierend, den St.Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert zu betrachten. Und dass das nur einige Sekunden lang möglich ist, weil sonst das Licht den Plan beschädigen würde, das macht dieses Erlebnis nur noch intensiver.

Und wir stellen fest, dass die Aura des originalen Kunstwerks nach wie vor auf uns wirkt. Auch - und vielleicht gerade - im Zeitalter seiner digitalen Reproduzierbarkeit - um Walter Benjamin leicht zu verfälschen.

Der Klosterplan - und auch die anderen Exponate des Stiftsarchivs- lassen uns eintauchen in die Zeit des Mittelalters, vor allem des frühen Mittelalters. Also in eine Zeit, die uns weit entrückt scheint - in der jedoch entscheidende kulturgeschichtliche Weichen gestellt wurden. Von der grundsätzlichen Gleichwertigkeit aller Menschen, wie sie im christlichen Denken angelegt ist bis zur zentralen Rolle der Schriftkultur bei der Entstehung der modernen Welt.

Die Abtei St. Gallen spielte dabei eine überragende Rolle: Wie schreibt doch der Mediävist Alfons Zettler: «Die ehemalige Reichs- und Fürstabtei St. Gallen, gehört zu den ältesten Zentren der Schriftkultur und Horten der Schriftlichkeit in Europa und der Alten Welt.»

Sich die Pfadabhängigkeit unserer Gesellschaften zu vergegenwärtigen, ist besonders wichtig in Zeiten wie diesen, in der alles, was irgendwo auf dem Globus geschieht, virtuell auf uns einzustürzen scheint. Also in Zeiten des «Gegenwarts-Schocks», wie das der amerikanische Autor Douglas Rushkoff genannt hat.

Die Vergangenheit scheint in diesem Taumel des Gegenwärtigen entweder aus unserem Bewusstsein völlig zu verschwinden. Oder sie verkümmert zum Klischee, wie es etwa das «dunkle Mittelalter» darstellt.

Wer die Macht der Geschichte verkennt, tut dies auf eigene Gefahr. Denn wir haben das Denken in geschichtlichen Zusammenhängen nötiger denn je, um uns in dieser volatilen Welt der Gegenwart zu orientieren.

Die kulturelle Prägekraft, die in einem wachen Geschichtsbewusstsein steckt, prägt uns nicht nur, sondern gibt uns eben auch Kraft, und lässt uns den universellen Charakter des kulturellen Erbes erkennen.

Museen sind Orte des Paradoxen: Wenn wir auf der Zeitachse zurückgehen, entdecken wir nicht nur Vergangenes. Sondern wir werden auch daran erinnert, dass dieses Vergangene einst Zukunft war.

Bei kaum einem anderen kulturgeschichtlichen Dokument zeigt sich das so eindrücklich wie beim berühmten Klosterplan - entstanden um das Jahr 830. Es handelt sich um den weltweit einzigen original erhaltenen Klosterplan aus karolingischer Zeit Geradezu ein Idealplan für die Klosterarchitektur.

Aber noch etwas Anderes beeindruckt berühmten Klosterplan. Ich beschäftige mich ja auch mit Plänen - genauer: mit Reformplänen: Das ist endlich mal ein Plan mit Langzeitwirkung! Da kann ich nur sagen: Chapeau! Und einige Elemente dieses Plans inspirieren die Menschen seit rund 1‘200 Jahren. 1‘200 Jahre... Das ist bei der AHV leider nicht sehr wahrscheinlich...

Im Ernst. Wir Gegenwärtige leben in einer Welt, die sich die Vergangenheit als Zukunft imaginiert hat.

Wenn man sogar im vermeintlich erstarrten Mittelalter so grossartige Pläne zu entwerfen wusste, dann sollte uns das ermutigen für heute - eine Zeit der Zerknirschung und der Besitzstandwahrung, der Defensive und des Missmutes.

Gewiss: Der Klosterplan war eher eine Planungsgrundlage als ein eigentlicher Plan. Umso mehr jedoch zeigt sich in ihm jedoch: Wichtig ist die Idee, der Anstoss, das Vorwärtsdenken - und nicht unbedingt die buchstabengetreue Umsetzung. 

Davon können wir Heutigen alle lernen. Wir brauchen die Orientierungskraft, das Perspektivische, das Verbindende, das in unserem Kulturerbe steckt. Der Blick zurück ist immer auch ein Blick nach vorn.


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