Medien und Direkte Demokratie sind Zwillinge (DE)

Berne, 14.04.2018 - Dübendorf, 14.04.18 - Grusswort von Bundesrat Ignazio Cassis anlässlich der Generalversammlung der NZZ-Mediengruppe - Es gilt das gesprochene Wort

Sehr verehrte Aktionäre
Sehr geehrter Herr Präsident
Sehr verehrte Mitglieder des Verwaltungsrates
Sehr geehrte Vertreter der Redaktionen und der Unternehmensleitung
Sehr verehrte Gäste 

Gewusst habe ich bis heute, dass in Zürich das Sechseläuten eine grosse Tradition hat. Nicht präsent war mir, dass es um diese Tradition herum noch viele andere Traditionen gibt. Zum Beispiel, am Samstag vor dem Sechseläuten die Generalversammlung der NZZ-Mediengruppe abzuhalten. 

Was ich nicht ganz verstehe: Wieso vor dem «Böögg» und nicht nach dem «Böögg»? Wenn Ihre Generalversammlung nach dem Sechseläuten stattfände, könnten Sie doch Ihre Entscheide im Wissen der kommenden Grosswetterlage fällen. Und das wäre gerade jetzt, in Zeiten des grossen Umbruchs in Ihrer Branche gewiss von Vorteil. 

Basta! Im ernst: 

Am Montag komme ich wieder – zum Sechseläuten - und werde an berufener Stelle darauf hinweisen, wie wichtig es ist, an Traditionen wie dem Sechseläuten nicht zu rütteln…

Meine sehr verehrten Damen und Herren 

Ich entbiete Ihnen meine besten Wünsche für Ihre Generalversammlung. Ich bin als Bundesrat mit meinem liberalen Rucksack gerne zu Ihnen gekommen. Ihre Einladung freut mich sehr. Wir haben einander, davon bin ich überzeugt, etwas zu sagen. 

Sie setzen in der NZZ-Mediengruppe seit 2014 konsequent auf das Kerngeschäft Publizistik. Das ist erfreulich! Es angesichts des Wandels, dem die Medienbranche zurzeit unterworfen ist, keine Selbstverständlichkeit. Ihre Strategie zeugt von einer grossen verlegerischen Verantwortung. Der unternehmerische Erfolg im vergangenen Jahr gibt Ihnen recht. 

Mit dem Fokus auf die Publizistik setzen Sie auch ein wichtiges Signal.

Medien sind untrennbar verbunden mit der Meinungsbildung in der Direkten Demokratie.
Noch deutlicher gesagt: Medien und Direkte Demokratie sind Zwillinge. 

Ich gebe Ihnen ein Beispiel:  Was machen Sie, wenn die Initianten der Vollgeld-Initiative behaupten, den Fall Raiffeisen wäre nicht möglich, wenn nur noch Vollgeld im Umlauf wäre?

Den Kopf schütteln? Mit den Worten «So ein Quatsch!» zur Tagesordnung übergehen?

Nein. Sie müssen natürlich solche Behauptungen entkräften. Sie können das aber nicht alleine tun. Sie sind als Bundesrat, als Parlament, als Stimmbürger darauf angewiesen, dass die Medien solche schiefen Bilder immer wieder korrigieren und durch sachgerechte Entscheidungshilfen ersetzen können. Vor allem bei solchen komplexen Initiativen. Und solche Volkbegehren gibt es immer mehr. 

Hier bringe ich stellvertretend die NZZ ins Spiel: Am 21. März erklärte Wirtschaftsredaktor Hansueli Schöchli anhand von 11 Fragen und Antworten die Vollgeld-Initiative völlig sachlich und anschaulich. Er deklarierte seinen Artikel ausdrücklich als «Denkhilfe für die Stimmbürger». Auf den «Raiffeisen-Vergleich» musste er gar nicht erst eingehen, seine Erläuterung sprachen für sich. 

Bange Frage eines passionierten Zeitungslesers, der ich bin: Wie lange kann ich solche Artikel noch auf Zeitungspapier lesen? Wie lange gibt es die NZZ noch in gedruckter Form? 10 Jahre, 20 Jahre? 25 Jahre? 

Ich weiss, Sie können mir diese Frage nicht beantworten. Aber mit Ihrer unternehmerischen Fokussierung auf die Publizistik beweisen Sie, dass Sie dafür kämpfen, dass Ihre Produkte noch lange in gedruckter Form erscheinen – auch das Flaggschiff NZZ. 

Herr Präsident, meine Damen und Herren

Der Wandel der letzten 30, 40 Jahre in der Medienbranche ist eindrücklich. Ich spreche jetzt stellvertretend nur vom journalistischen Personal. Journalisten, die heute kurz vor oder kurz nach der Pensionierung stehen, berichten, dass sie während den ersten 10 Berufsjahren ihre Artikel noch mit der Schreibmaschine verfasst haben.

Die Übermittlung von Texten direkt vom Ort des Geschehens in die Redaktion mit den ersten portablen Computern, etwa Mitte der Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts, glich noch einem Abenteuer. Man musste, so berichten sie, die nächste Telefonkabine aufsuchen, die Sprechmuschel-Verkleidung des Telefonapparats abschrauben und durch einen Adapter ersetzen, der mit einem Kabel mit dem neumodischen Schreibgerät verbunden war, die richtige Telefonnummer einstellen – und schweissgebadet hoffen, dass es klappt. Meistens sei man eh schon spät dran gewesen…Alles übrigens mit Bewilligung der PTT.

Heute übermittelt man Text und Bild längst direkt ab Laptop in die Redaktion. Und von dort per Computer to Plate in die Druckerei. 

Weshalb erwähne ich das?

Es geht bei diesem Wandel auch um Menschen, nicht nur um Technik.

Deshalb gefällt mir, dass die Redaktion der NZZamSonntag begonnen hat, regelmässige Leserkonferenzen durchzuführen, mit dem Ziel stets noch besser und leserfreundlicher zu werden. 

Ich habe etwas Ähnliches als Aussenminister angefangen: Ich ziehe durchs Land und erkläre, erkläre, erkläre – unser Verhältnis zur EU.

Wenn wir das nicht tun, dürfte es schwieriger werden, den Bilateralen Weg in den vor der Türe stehenden Europa-Abstimmungen zu erhalten und noch etwas auszubauen.

Dabei hoffe ich natürlich, dass die Medien uns dabei helfen, zu erklären, zu erklären und zu erklären.

Auf meiner Tour de Suisse verweise ich neuerdings darauf, dass beide Seiten, die Schweiz und die EU, nun ernsthaft daran sind, die Voraussetzungen zu schaffen, damit die noch offenen Punkte endlich gelöst werden können – in erster Linie der eindeutig grösste Brocken, das Marktzugangsabkommen. 

Lassen Sie mich schliessen mit einer Reminiszenz, die ich keineswegs werten will, nur erwähnen, weil sie mich zum Schmunzeln bringt. Die Redaktion der NZZam Sonntag befragte die Leserinnen und Leser über eine Titelwahl für eine Reportage über die internen Veränderungen in der SVP. Und zwar erst nach dem Erscheinen des Artikels.

Zur Auswahl standen mehrere Varianten.

Die Redaktion hatte sich für «Die SVP ist tot, es lebe die SVP» entschieden. 680 Leserinnen und Leser machten bei der Umfrage mit und siehe da, nur gerade 13,8 Prozent hätten diesen Titel gewählt. 50,7 Prozent bevorzugten «Im Namen des Vaters». 

Sie sehen, Zeitungen zu machen, ist jeden Tag eine neue Herausforderung! 

Auf Wiedersehen am Sechseläuten! 


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Dernière modification 05.01.2016

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