Bern, 26.10.2018 - Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung „Fake“ Im Stapferhaus, Lenzburg 26. Oktober 2018 von Bundeskanzler Walter Thurnherr

„Ich gebe zu, dass zwei mal zwei gleich vier
eine fabelhafte Sache ist; aber wenn man schon alles
lobt, so ist zwei mal zwei gleich fünf
mitunter ein allerliebstes Sächelchen“

Fjodor M. Dostojewski, Aufzeichnungen aus dem Kellerloch


„One of the most salient features of our
Culture is that that there is so much bullshit. Everyone
knows this. Each of us contributes his share”

Harry G. Frankfurt, on Bullshit 

Anrede

Bekanntlich gibt es Begriffe, die es plötzlich in die Zeitungen schaffen, dort in alle Richtungen dekliniert, zerlegt und umgedreht werden, und auf einmal wieder aus der Mode kommen. Auf einen Schlag werden sie bis in den hintersten Winkel des Landes reflektiert - und sei es nur, um Aufgeschlossenheit zu belegen - und plötzlich braucht sie keiner mehr, oder nur noch, wer sich ernsthaft interessiert. „Risikogesellschaft“ war so ein Begriff, oder „Globalisierung“ oder „Nachhaltigkeit“. Und es würde mich nicht wundern, wenn einmal das Wort „Digitalisierung“ dazugehören sollte, oder „Silicon Valley“.

Als ich letztes Jahr während der Schulreise des Bundesrates auf einem heissen Platz in Sarnen, Obwalden, mitten in der Menge und mitten in einer längeren Rede der Regierungspräsidentin einen Schulbuben neben mir bemerkte, der an einer Vanilleglace schleckte, flüsterte ich ihm zu: „Du, wohär hesch die?“. Er deutete mit der freien Hand nach links und verriet mir kollegial: „Do obe. Chasch im Fall au vegan ha“ (!). Und ich dachte mir, ok, jetzt ist das also auch hier in Sarnen, Obwalden, ein Thema.

Ich bin deshalb froh, dass die Organisatoren dieser Ausstellung in Lenzburg das Thema hier bereits um eine Windung weiter drehten, vom inzwischen inflationär verwendeten Begriff „Fake“ gleich zur Schaffung eines „Amts für die ganze Wahrheit“ schritten und dabei prompt und folgerichtig an die Bundeskanzlei dachten. Denn genau darum geht es, wenn von Fake die Rede ist: Um die ganze Wahrheit, die halbe Wahrheit und die Lüge. Und dass viele Leute allerlei Dinge verbreiten und damit viele andere erreichen. Und dass wir verunsichert sind, wieweit das unserer Demokratie nützt und wieweit das schadet.

Natürlich gab es Fake schon vor dem Brexit, und auch vor Donald Trump. Der Papst in Rom bezichtigte kürzlich die Schlange im Paradies der ersten Fake News, und das ist nun doch schon eine Weile her. Selbstverständlich wurde in der Politik stets gelogen, getäuscht, verdreht und erfunden – im Übrigen nicht nur in der Politik. Und gewiss nicht neu ist auch die Erkenntnis, dass es ein verzwicktes Unterfangen sein kann, Aussagen in real fake News und really real News zu entflechten. Das alles ist auch nicht eigentlich der Punkt.

Was viel mehr Leute erschreckt hat als die Verbreitung von Unwahrheiten, ist die Verweigerung von Wahrheiten - die Dreistigkeit, mit der heute Eindeutiges zum Streitbaren erklärt wird, wenn einem die Realität nicht passt. Klar, vieles ist unsicher, und nichts ist nötiger als der Zweifel an scheinbar Gesichertem. Aber es ist nicht alles Ansichtssache, nur weil vieles ungewiss ist. Dass ich hier stehe, ist ein Faktum und keine Meinung. Dass die Durchschnittstemperaturen steigen, die Artenvielfalt nach unten und die Studentenzahlen nach oben zeigen, hängt nicht von meinen Gefühlen und nicht von Ihrer Haltung ab. Das kann man überprüfen.

Das Bedenkliche ist, dass Faktenverweigerung Schule macht. Und was man früher allenfalls der Prawda in Moskau zugetraut hatte, ist nun auch hierzulande ein erfolgsversprechendes Kommunikationsrezept: Sobald ein unvorteilhaftes Faktum auftaucht, behaupte unverschämt das Gegenteil, verbreite es überall und überall energisch und vertraue darauf, dass Faktum und Antifaktum, dass Fakt und Fake sich gegenseitig annihilieren, und im schlimmsten Fall eine Wolke konfuser Vorwürfe und ein sehr begrenzter Schaden übrig bleibt.

Was viele Leute konsterniert hat, ist die Erfahrung, dass Maschinen Fake produzieren und wie viele Menschen sie damit täuschen können. Und dass der alte Satz: „Kollektiver Hass ist kein spontanes Phänomen, er ist ein Fabrikat“ damit eine ganz neue Bedeutung erhält. Plötzlich wird deutlich, dass unsere Bürgerinnen und Bürger von irgendwelchen Diktatoren oder Unternehmen, Tausende Kilometer entfernt, genauso gut oder vielleicht noch besser erreicht werden, als von der eigenen Regierung. Wer von uns hier kannte denn schon die mazedonische Kleinstadt Veles, bevor bekannt wurde, dass rund 100 Webseiten mit weit verbreiteten Fake News für den letzten amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf in Mazedonien, eben dort, in Veles produziert wurden.

Was viele Leute verstört hat, war die Nachricht, wie unerhört raffiniert diese Maschinen „faken“ können, arglistig und persönlich auf einen zugeschnitten. So gut, dass man kaum mehr weiss, wem man trauen kann – und deshalb auch niemandem mehr traut. Oder um den anerkannten Internetspezialisten Friedrich Nietzsche zu zitieren: „Nicht dass du mich belogst, sondern dass ich dir nicht mehr glaube, hat mich erschüttert“ (wenn Sie das mit Nietzsche nicht glauben sollten, vergessen Sie nicht: Ich komme aus Bundesbern, und was aus Bern kommt, stimmt immer..).

Meine Damen und Herren, die Hardware, die Sie täglich zwanzig Mal in die Hand nehmen, hat sich in den letzten zwanzig Jahren um einiges schneller entwickelt als vieles um uns herum, und sehr viel schneller als die Software über unserem Hals. Seit dem Mai dieses Jahres hat mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung Zugang zum Internet, und jeder von Ihnen, der ein Handy hat, trägt einen leistungsfähigeren Computer mit sich herum, als es die Supercomputer der 1980-er Jahre waren, die ein ganzes Zimmer füllten. Die Digitalisierung hat unerhörte Möglichkeiten eröffnet, unsere Wirtschaft würde ohne Internet kaum mehr funktionieren, unser Leben wäre beschwerlicher und ganz sicher weniger unterhaltsam. Aber in eben dieser Software zwischen unseren Ohren sind viele Reflexe und Bedürfnisse noch dieselben wie vor zwanzig Jahren: Wir möchten News, aber sie sollten nicht erfunden sein. Wir möchten Maschinen, aber solche, die wir steuern und nicht solche, die uns steuern. Wir möchten nicht alles glauben müssen, aber wir wollen auch nicht allen misstrauen müssen. Und wir möchten Plattformen, damit wir andere besser verstehen, und nicht solche, welche dafür sorgen, dass wir uns gegenseitig hassen.

Also was tun? Und was lassen?

Unvorbereitet wie ich mich habe, hier vier persönliche Elemente oder Argumente für die Diskussion:

Erstens. Ich wäre vorsichtig mit schnellen Verboten. Sie sehen das in anderen Ländern: Gerade weil der Schritt von Fake zu Hate so klein ist, von der scheinheiligen Lüge zum giftigen Aufruf, eilen von allen Seiten gutmeinende Wächter der politischen Rechtschaffenheit herbei und fordern Kontrollen, das Sperren von Webseiten und die Einschränkung der Redefreiheit. Um ein wertvolles öffentliches Gut zu schützen, untergraben sie ein anderes. Wie die Pharisäer zeigen sie auf den Teufel und kommen mit dem Beelzebub. Bereits 20‘000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen allein bei Facebook Hassreden aufspüren und falsche Konten. Es ist meines Erachtens ein gefährlicher Weg, Unternehmen wie Google und Facebook die Grenzen ziehen zu lassen, was auf sogenannten Plattformen stehen bleiben darf und was nicht. Die Freiheit der Meinungsäusserung ist eines der wichtigsten Grundrechte. Deren Beschränkung sollte, falls umstritten, von Gerichten abgewogen werden - und nicht von Firmen, Parteien oder Beamten. Es wird zweifellos Regulierungen geben, wahrscheinlich internationale und auch neue Formen von Regulierungen. Aber selbst wenn auch im Netz keine absolute Redefreiheit gilt, sollten Verbote mit Vorsicht ausgesprochen werden.

Zweitens. Das Gegengift gegen Fake News sind nicht korrigierte und auch nicht zensurierte News, sondern mehr News. Oder besser gesagt, mehr verschiedene News, mehr Recherche, mehr Hintergrund, mehr Tiefgang, mehr Vielfalt. Leider hat letztere – die Pressevielfalt - abgenommen, auch in der Schweiz. Nur in wenigen Kantonen besteht noch ein publizistischer Wettbewerb unter Tageszeitungen. Es gibt zwar mehr elektronische Plattformen, aber deswegen nicht automatisch mehr guten Journalismus. Facebook hat von den Zeitungen viele Leser abgezogen, Facebook hat auch viele Inserate und damit Werbeeinnahmen übernommen. Aber Facebook hat keine Redakteure und keine Journalisten übernommen. Facebook hat nur Algorithmen und User. Und das ist ein grosser Unterschied.

Umgekehrt: Fake News lassen sich auch analog verbreiten. Das Lechzen und Heischen nach Aufmerksamkeit, das jede Verdrehung und Unverhältnismässigkeit rechtfertigen soll, hat längst auch jene Zeitungen erreicht, welche ums Überleben kämpfen. Fake News haben wenigstens deutlich gemacht, wie wertvoll real News sind. Wirkliche News über eine wirkliche Welt mit zurzeit wirklich wichtigen, bedenklichen Entwicklungen. Wertvolle Analysen müssen etwas wert sein. Und meines Erachtens werden wir auch neue Ansätze der Medienförderung weiterverfolgen müssen. In der Politik gibt es eben nicht nur eine, sondern viele Wahrheiten, viele Perspektiven, viele legitime Schlussfolgerungen. Und deshalb braucht es auch viele Medien, die über denselben Sachverhalt je auf ihre Art und von ihrem Standpunkt aus und in ihrer Form der Vertiefung berichten.

Drittens. Bildung. Nicht nur Hochschulbildung, sondern Ausbildung und Allgemeinbildung auf allen Stufen und für alle Schichten. Geschichte lehren. Kritisches Denken lehren. Lehren, dass das Internet nicht eine riesige Bibliothek, sondern eine gewaltige Deponie ist, mit wertvollen Sachen, aber auch mit viel Ramsch. Denn nur wer etwas weiss, wer gelernt hat zu zweifeln, und wer erfahren hat, dass die meisten Dinge sich mit 140 Zeichen nicht korrekt beschreiben lassen - und auch nicht mit 280 - glaubt nicht jeden süffig formulierten  Schwindel. Diese Bildung findet nicht ausschliesslich in der Schule statt. Ich habe über Jahre meinen Kindern jeden Schabernack angegeben und zum Beispiel frech behauptet, der Thunersee, wo wir zu Hause sind, hätte früher Thurnherr-See geheissen, bis ein unfähiger Kartograph den Schreibfehler seines Lebens machte - mit dem Resultat, dass mir die Kinder heute nichts mehr glauben. Aber immerhin: Sie zweifeln auch, wenn andere Blech erzählen.

Im Übrigen hilft sozialer Ausgleich. Denn Armut stumpft ab. Und wer verzweifelt ist, glaubt selbst einer Lüge, wenn sie Besserung verspricht. Es ist traurig, wie viele Beobachter in den USA und in Grossbritannien erst nach dem Ausgang ihrer Plebiszite auf den Gedanken kamen, dass krasse Lügen in krasser Armut überzeugender sein können als statistische Wahrheiten.

Viertens. Das Wichtigste, vor allem in einer direkten Demokratie, wie wir sie kennen: Fake News werden blossgestellt, wenn einer hin steht und das Gegenteil behauptet. Aber wenn darauf hin reflexartig deren oder dessen Glaubwürdigkeit in Frage gestellt wird, wenn sofort auf die Person geschossen wird, weil man ihre Haltung nicht teilt, wenn sie mit Häme übergossen wird, weil sie den Mut aufgebracht hat, Stellung zu beziehen, dann ducken sich immer mehr und werden stiller, obwohl sie etwas zu sagen hätten.

Es gibt eine beklemmende Stelle bei Gottfried Keller, wo er diese giftige, dumpfe Luft bei den Leuten von Seldwyla beschreibt: „Es entstand zuerst ein Ausspotten einiger nicht bedeutender  Personen an irgend einem Punkte, dann ein Verhöhnen einiger anderer, die schon mehr Bedeutung hatten, wegen halb lächerlicher, halb unzukömmlicher Eigenschaften. Eine spott- und verfolgungslustige Laune verbreitete sich mehr und mehr, es bildeten sich Anführer und Virtuosen im Hohn und der Entstellung aus, und bald verwandelte sich der lustige Spott in grimmige Verleumdung, welche umherraste, die Häuser ihrer Opfer bezeichnete und das persönliche Leben auf das Strassenpflaster herausschleifte“.

Meine Damen und Herren, Fake ist nicht immer so einfach zu bestimmen wie ein Unkraut im Rosenbeet. Manchmal ist es eine grobe Verzerrung, manchmal fehlt ein wesentlicher Teil, manchmal fehlt der Kontext, und manchmal ist es gar kein Fake. Unter Umständen hat der andere Recht. Vielleicht eben doch. Obwohl er mich nervt, und auch wenn er nicht aus dem Freiamt kommt (mindestens theoretisch ist das möglich). Ich glaube, wir müssen wieder lernen, etwas mehr über Dinge zu streiten und etwas weniger über Leute. Etwas bessere Bedingungen dafür schaffen, dass der Fritz heute mit Franz und morgen mit Vroni stimmen kann, ohne dabei des Verrats bezichtigt zu werden. Jeder soll seinen eigenen Verstand einschalten können. Aber zum gesunden Menschenverstand gehört auch eine gesunde Portion Skepsis gegenüber eben diesem gesunden Menschenverstand. Denn nicht alles, was auf den ersten Blick plausibel scheint, ist auch richtig. Und diese Skepsis, dieser gesunde Zweifel, der die Möglichkeit zulässt, dass man sich auch täuschen kann, schafft etwas Verständnis für die Haltung anderer und vielleicht auch Platz für einen Kompromiss.

Eine letzte Bemerkung: Soziale Medien sind zuweilen gar nicht so sozial. Wer im Internet kennt schon von wem mehr als die Vorderseite? Facebook Freundschaften, dieses „Alle-Welt-Gefühl für Stubenhocker“ – das sind doch gar keine Freundschaften. Wir mailen, was das Zeug hält. Alle sind im Sendemodus, für den Empfang haben wir keine Zeit. Und wenn wir für einmal telefonieren sollten, melden wir uns an per SMS.

Ich glaube, die Lust nach Fassbarem, nach echten Beziehungen, richtigen Erlebnissen und ganzen Wahrheiten wird zunehmen. Auch als das Fernsehen eingeführt wurde, befürchteten viele eine Verluderung der Sitten. Es ist nicht so schlimm gekommen. Und inzwischen wissen auch viele Digital Natives: Die wirklich wichtigen Dinge kann man nicht aus dem Netz herunterladen. Was die Jungen betrifft, bin ich auf jeden Fall zuversichtlicher als was jene Unverbesserlichen angeht, die mit zunehmendem Alter bitterböse werden und diese Unart täglich im Netz ausleben.

Die neuen digitalen Technologien zwingen uns, eine Standortbestimmung vorzunehmen: Was ist uns wichtig? Wie kommunizieren wir untereinander? Wie soll die Demokratie in Zukunft aussehen? Was weiss ich wirklich, und was glaube ich einfach. Weil es bequemer ist? Die Antworten auf diese Fragen lassen sich nicht ausrechnen. Man muss sie suchen. In Gesprächen, in Debatten und in Vernehmlassungen. Die Ausstellung hier im Stapferhaus – und das ist jetzt nichts als die ganze Wahrheit – liefert dazu einen wertvollen Beitrag. Und ich hoffe sehr, dass zahlreiche Besucherinnen und Besucher hierherkommen und die Ausstellung geniessen, und zwar mit oder ohne … vegane Vanilleglace in der Hand.


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