Das Rote Kreuz steht für unsere Werte

Bern, 25.06.2016 - 150 Jahre Schweizerisches Rotes Kreuz 25. Juni 2016, Arena Kursaal Bern Festansprache Bundespräsident Johann Schneider-Ammann, WBF

Sehr geehrte Damen und Herren

Es freut mich sehr, heute hier zu sein und ich danke herzlich für die Einladung.

Ich habe diese mit grosser Freude angenommen. Denn: Auch ich bin ein Fan des Roten Kreuzes!

Das wird Sie nicht erstaunen: Es ist schwierig, sich einen Schweizer Bundespräsidenten oder überhaupt einen Menschen in der Schweiz vorzustellen, der diesen Satz nicht mit Überzeugung aussprechen würde. Das Rote Kreuz ist mehr als eine gute Idee und wichtige Organisation mit Schweizer Wurzeln. Das Rote Kreuz ist eine Ausprägung unserer humanitären Werte, Teil dessen, was es bedeutet, Schweizerin oder Schweizer zu sein!

Wie eng das Land und die Institution verbunden sind, zeigt ein Blick auf das Kennzeichen des Roten Kreuzes. Oder der Umstand, dass General Dufour und Bundesrat Dubs bei der Gründung des SRK Pate standen. Und ganz zuvorderst die Tatsache, dass ohne Miliztätigkeit und Freiwilligenarbeit wohl weder die Eidgenossenschaft noch die Rot-Kreuz-Bewegung bestehen könnten.

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Heute, meine Damen und Herren, ist das zweite Mal in meinem Präsidialjahr, dass ich an einem Anlass teilnehmen darf, der in positivem Sinn an das Jahr 1866 erinnert. Mitte Januar war ich an der Feier zur Erinnerung an den 150. Jahrestag der Gleichstellung der Schweizer Juden. Der damalige Anlass und der heutige haben nicht unmittelbar miteinander zu tun. Sie fragen sich vielleicht, warum ich diese kalendarische Zufälligkeit erwähne.

Aus einem einfachen Grund: Beide Ereignisse sprechen für den Bürgersinn und die Verantwortungsbereitschaft im jungen Bundesstaat, auch wenn es Unterschiede gab: Die Gleichstellung der Juden beschloss die Stimmbevölkerung an der Urne unter dem Einfluss des Auslands. Und die Gründung des Schweizerischen Roten Kreuzes war eine zivilgesellschaftliche Initiative. Auch in der Wirtschaft übrigens hinterliess das Jahr 1866 seine markanten Spuren – die Firma Nestlé wurde damals gegründet.

Die Umstände all dieser so unterschiedlichen Ereignisse waren dieselben: Der Bundesstaat war in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens innen- und aussenpolitischen Stürmen ausgesetzt, die alles übertrafen, was wir in der Gegenwart an Turbulenzen kennen – und das ist ja schon weit mehr als uns lieb sein kann. Doch inmitten der Stürme des 19. Jahrhunderts zogen viele Schweizerinnen und Schweizer die richtigen Schlüsse und stellten die Weichen entsprechend.

Und heute? Vor wenigen Wochen haben wir den Gotthard-Basistunnel eröffnet, ein Jahrhundertbauwerk. Aber gibt es auch humanitäre Entwicklungen in unserer Zeit, die spätere Generationen feiern werden? Wird etwas angepflanzt, das in 150 Jahren – 2166 also – noch immer reiche Frucht trägt? Das Verdikt ist offen.

Die These, dass die Gesellschaft sich in Einzelne auflöst, dass der Egoismus regiert, dass der soziale Zusammenhalt bröckelt, ist jedenfalls schnell zur Hand.

Meines Erachtens allerdings zu schnell:

  • Wenn ich mir vor Augen führe, dass 72‘000 Menschen in diesem Land als Freiwillige für das Schweizerische Rote Kreuz tätig sind, erfüllt mich das mit tiefer Dankbarkeit.
  • Was die SRK-Mitarbeitenden in so vielen unterschiedlichen Bereichen im In- und im Ausland leisten, ist mehr als beeindruckend.
  • Und auch die vielen Spenderinnen und Spender sind ein Zeichen dafür, dass zivilgesellschaftliches Engagement und Bürgersinn in der Schweiz des 21. Jahrhunderts gelebt werden.

Ihnen allen gebührt Respekt!

Wir sollten nicht zu kritisch sein, wenn wir unsere Zeit betrachten: Viele Instrumente um den Dramen der Menschheit zu begegnen, sind bereits vorhanden. Im 19. Jahrhundert war das anders, in der Schweiz war krasse Armut verbreitet. Mittlerweile ist dies zum Glück selten. Wir haben eine hohe Beschäftigung und eine tiefe Arbeitslosigkeit, die allermeisten haben in der Schweiz Chancen und Perspektiven.

Dies dank einer vielleicht einzigartigen Kombination aus Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und damit Stabilität; dank freiheitlichen Rahmenbedingungen und einer starken Sozialpartnerschaft, dank privatwirtschaftlichem Innovationskraft – und nicht zuletzt: dank gesellschaftlichem Zusammenhalt, für den das Engagement der Zivilgesellschaft unabdingbar ist. Das heisst: dank Organisationen wie dem Schweizerischen Roten Kreuz! Mit meinem Präsidialmotto „Gemeinsam für Jobs und unser Land“ will ich diese Werte stärken.

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Dass es unserem Land insgesamt sehr gut geht, darf uns nicht genügsam werden lassen: Es gibt Not in der Schweiz, materieller und nicht-materieller Art. Und vor allem ist die Not in der Welt bei allen positiven Entwicklungen nach wie vor gross.

Aktuell sind wir konfrontiert mit der Verzweiflung der Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten und aus Afrika, die in Europa eine neue Heimat suchen. Es ist unsere humanitäre Pflicht, im Rahmen unserer Möglichkeiten die Not von an Leib und Leben bedrohten Flüchtlingen zu lindern. Dabei muss klar sein: Wer bei uns Schutz findet, hat unsere Regeln zu respektieren. Und ebenso klar scheint mir, dass die Schweiz die politischen Fragen zur Flüchtlingskrise nur in enger Zusammenarbeit mit anderen Ländern wird bewältigen können.

Was die Integration der Neuankömmlinge in die hiesige Gesellschaft betrifft, so gilt das Gleiche wie für die alternde Bevölkerung in der Schweiz: Das sind Grossaufgaben, mit denen mindestens eine Generation konfrontiert sein wird, es handelt sich um Herausforderungen für die nächsten Jahrzehnte.

Es ist dabei offenkundig: Wer sich bei solchen gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen nur auf den Staat verlässt, wird mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein – das ist keine Kritik an den Institutionen der Schweiz, die gut arbeiten. Aber die Grossaufgaben müssen alle gemeinsam anpacken: der Staat, die Privatwirtschaft und die Zivilgesellschaft.

Unser Ziel muss es sein, an den humanitären Werten festzuhalten und zugleich mutig und offen zu sein, bei Art und Weise, wir diese Werte verwirklichen. Denn wie Sie wissen, ist die Geschichte der Rotkreuz-Bewegung und des SRK auch eine Geschichte der Innovation. Im Ersten Weltkrieg etwa entwickelten Schweizer Ärzte unter dem Dach des Roten Kreuzes Techniken, die zum medizinischen Fortschritt beitrugen. Und bald kann vielleicht der Humanitarian Tech Hub, den das IKRK und die ETH Lausanne eingerichtet haben, neue Impulse für die humanitäre Hilfe setzen.

Was immer wichtig war und bei allem Wandel immer wichtig bleiben wird, ist die menschliche Zuwendung. Die Entlastung für Familien im Alltag zum Beispiel, die Zeit, die Freiwillige für die Integration von Flüchtlingen aufwenden oder das Besuchen und Begleiten von älteren Menschen. In der Summe sind all diese Einsätze spektakulär – ohne sie wäre die Schweiz nicht das schöne Land, auf dessen humanitäre Tradition wir stolz sind.

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Zum 150-Jahr-Jubiläum des SRK hat die Münzstätte Swissmint eine 20-Franken-Silbermünze lanciert. Die vom Freiburger Grafiker Marc Roulin gestaltete Einprägung symbolisiert „Menschlichkeit“ – diesen höchsten Wert, den die Schweiz und das Rote Kreuz teilen!

Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren, Ihnen allen, die Sie sich fürs Rote Kreuz engagieren, drücke ich meinen Respekt aus und danke herzlich!


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Tel. +41584622007


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Letzte Änderung 11.05.2016

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