Ansprache von Bundespräsident Ignazio Cassis zum 1. August 2022

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger

Wir sind heute in Sessa, dem Ort meiner Kindheit. Ganz im Süden der Schweiz. Nahe der Grenze. Hier habe ich als Kind den 1. August gefeiert, hier fühle ich mich zu Hause. Heimat, das bedeutet Zugehörigkeit, Verbundenheit, Vertrautheit.

Aber das ist nicht alles. Heimat ist mehr. Heimat ist nicht "ich", Heimat ist "wir". Gerade in der Schweiz, wo verschiedene Kulturen nicht trennen, sondern verbinden - und wo Vielfalt ein Reichtum ist. Deshalb ist Heimat mehr als ein Ort. Es ist ein Gefühl. Dieses Gefühl habe ich heute auf meiner Reise quer durch unser Land erlebt.

Für uns ist Heimat, ist Freiheit, ist dieses Gefühl der Geborgenheit selbstverständlich. Für Millionen von Menschen ist das nicht so. Gerade der Krieg in der Ukraine lässt uns erahnen, was es heisst, sein Land in Trümmern zu sehen und nicht zu wissen, wie es weiter geht. Was es heisst, flüchten zu müssen oder mit Zerstörung und Tod zu leben.

Für sie ist Heimat verbunden mit Verzweiflung, Trauer und Angst. Was bedeutet das für uns? Dass es eben nicht selbstverständlich ist, frei zu sein und ein Zuhause zu haben. Es bedeutet aber auch, dass wir aufgerufen sind, zu helfen. Zu helfen, dass geflüchtete Familien bei uns ein Heimatgefühl bewahren können. Zu helfen beim Wiederaufbau. Und zu helfen beim Heilen von Wunden. Ich bin stolz, Bundespräsident eines Landes sein zu dürfen, das in nur wenigen Tagen grossherzig geholfen und über 50'000 Menschen in Not aufgenommen hat.

Liebe Landsleute,

Wir alle spüren: Die Welt ist unsicherer geworden - instabiler und ungewisser. Globale Herausforderungen wie die Pandemie, das Klima, geopolitische Verhärtungen und jetzt dieser Krieg in Europa betreffen auch uns. Denn unser Zuhause – das ist auch die Welt. Höhere Preise, Inflation oder Energielücken. Das sind Risiken, mit denen wir lernen müssen, umzugehen. Auch die beste Politik kann diese Probleme nicht wie von Zauberhand lösen, weil es global verflochtene Risiken sind.

Es gibt Zeiten, in denen man enger zusammenstehen muss. In denen das persönliche Interesse nicht das Einzige sein kann. Gerade dann ist Heimat mehr als ein Wort, mehr als ein Grenzabschnitt.

Wir haben das Privileg, in einem Land zu leben, das dank dem Einsatz, dem Willen und dem Fleiss seiner Bürgerinnen und Bürger einzigartige Perspektiven bietet. So stärken wir unsere Institutionen, unsere Vielfalt und unsere Innovationskraft.

Diese Chancen zu nutzen, hat die Schweiz erfolgreich gemacht. Das Traditionelle mit dem Fortschritt zu verbinden, hat uns für Neues offengehalten. Minderheiten als Gewinn zu betrachten, hat uns in 731 Jahren gelernt, zusammenzuleben. Das ging nicht immer wie von selbst. Aber es hat uns Demokratie, Zusammenhalt und Sicherheit gebracht. Das soll auch in Zukunft so sein.

Das ist mein Wunsch an uns alle am heutigen Nationalfeiertag.

Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen 1. August!

Letzte Änderung 29.07.2022

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