Eigeninitiative statt Resignation (de/it)

Bern, 07.07.2018 - Val Müstair, 07.07.2018 - Rede von Bundesrat Ignazio Cassis anlässlich 90 Jahre Handweberei "Tessanda" - Es gilt das gesprochene Wort

Liebe Mitarbeiterinnen der Handweberei «Tessanda»
Sehr geehrter Herr Stiftungsratspräsident
Sehr verehrte Damen und Herren Stiftungsräte
Sehr geehrter Herr Gemeindepräsident
Sehr verehrter Herr Regierungsrat
Sehr geehrte Damen und Herren Nationalräte
Liebe Gäste

Wenn ich auf das Programm der heutigen Jubiläumsfeier für die Handweberei «Tessanda» blicke, muss ich den Organisatoren unweigerlich zurufen:

Sie verwöhnen uns nach Strich und Faden!

Damit sind wir mitten im Thema.
 
Dieses geflügelte Wort gehört Ihnen, liebe Mitarbeiterinnen der Manufactura «Tessanda».

Es entstammt Ihrem Handwerk, dem Weberinnenhandwerk.

Ich habe mir sagen lassen, dass der Ursprung in den beiden sich kreuzenden Fadenrichtungen des Gewebes liegt. Sie bestimmen die Qualität des Stoffes. Die Meisterin überprüft deshalb Eure Arbeit nach Strich und Faden. Mit anderen Worten: Sehr genau…

1. Italianità

Herzlichen Dank für Ihre Einladung!

Ich habe keinen Moment gezögert zu Ihnen ins Val Müstair zu kommen.

Zum einen, weil ich nach meiner Wahl versprochen habe, nicht nur ein Tessiner Bundesrat zu sein, sondern ein Vertreter der Italianità.

Deutschschweizer sind sich gewohnt die Schweiz in drei Sprachregionen aufzuteilen: Deutschschweiz, Romandie und das Tessin. Dabei machen sie zwei Fehler auf einmal:

• Das Tessin besitzt nicht das Monopol der italianità
• Sie vergessen vielfach die Romantschìa

Ich habe mich während meiner Wahlvorbereitung zum Bundesrat im letzten Sommer verpflichtet, die italienisch-sprachigen Täler des Graubündens und die rätoromanische Südtäler nicht zu vergessen.

Ecco perché oggi sono così felice oggi di essere qui con voi, anche se purtroppo non parlo romancio.

2. Regionale Politik

Sprache, Kultur und Regionalität sind aber längst nicht der Hauptgrund meines Besuches. Der wichtigste Grund ist für mich der exemplarische Charakter Ihrer Manufactura.

Das gilt für jeden Tag in der 90jährigen Geschichte der «Tessanda». Sei es in der Gründungszeit oder in der Gegenwart. Und in Zukunft muss das noch viel mehr gelten.

«Tessanda» sorgte,
«Tessanda» sorgt
und «Tessanda» muss auch weiterhin dafür sorgen, dass das wunderschöne Münstertal fort besteht.

Gewiss: Diese 90jährige Einrichtung kann das nicht allein schaffen, aber Ihre Manufactura ist ein Leuchtturm, ein Symbol für Eigeninitiative,
«Tessanda» weist den Weg.

Schon in der Gründungszeit ging es darum, anspruchsvolle Erwerbsmöglichkeiten für Frauen im Münstertal zu schaffen. Es war eine Zeit, die vom Kampf um das tägliche Brot geprägt war.

«Tessanda» produzierte qualitativ hochstehende Produkte, die den Absatz über den Ofenpass hinaus schafften.  Das ist auch heute noch so. Und das soll auch in Zukunft so bleiben.

Vielleicht haben Sie es bemerkt: Ich verwendete bisher kein einziges Mal Begriffe wie: entlegen, entlegenst, peripher, strukturarm, strukturschwach, potenzialarm.

Mit solchen wissenschaftlichen und halbwissenschaftlichen Begriffen landet man automatisch bei Denkanstössen, wie man sie vor einem halben Jahr in der «NZZam Sonntag» über das Val Müstair lesen konnte. Und die Sie verständlicherweise in helle Aufregung versetzt haben.

Ich zitiere:
«Die Schweiz sollte endlich damit aufhören, entlegenste Gebirgstäler am Leben erhalten zu wollen. Wo Rettungsversuche für strukturschwache Regionen nicht mehr greifen, könnte man Platz schaffen für echte Wildnis.»
Um Himmels Willen!

Zuerst: Wir verwenden im Zusammenhang mit dem Val Müstair völlig falsch den Ausdruck «peripher». Denn das ist eine reine Frage der Perspektive!

Für eine Münchnerin befinden wir uns hier und jetzt mitten in Europa. Für einen Mailänder mitten in den Alpen.
Sie erinnern sich vielleicht: Als ich die Wahl in den Bundesrat angenommen habe, gab ich das Versprechen ab, mich als Schmied in den Dienst des Landes zu stellen. Ich will zusammenschmieden, was zusammengehört.

Und dieses Versprechen will ich halten.

Jedes Bergtal, und sei es auch noch so entlegen, ist ein wichtiges Stück Schweiz, das ich zusammenschmieden möchte.
Für mich gibt es keine entlegenen Täler, sonst könnte ich sie nicht mehr zusammenschmieden!
Noch mehr: In den Alpen ist die Schweiz entstanden, nicht in den Städten. Das Rückgrat der Schweiz bilden die Täler.

3. Donna Leon

Wieso bleiben Menschen, wie zum Beispiel die amerikanische Erfolgsautorin Donna Leon, im Münstertal «hängen»? Ich nehme an, wegen der Lebensqualität.

Übrigens: Können Sie Donna Leon meine besten Grüsse ausrichten und Ihr einen Ratschlag weiterleiten? Wenn sie nun schon hier wohnt, könnte sie ihre Erfolgsromane endlich auch ins Italienische übersetzen lassen.

Als sie noch in Venedig wohnte, fürchtete sie nämlich ihre Anonymität zu verlieren, falls ihre erfolgreichen Kriminalromane mit dem venezianischen Commissario Brunetti auch auf Italienisch erscheinen.

4. Tim Krohn

Wechseln wir zu einem anderen Schriftsteller, zu Tim Krohn. Er ist mit seiner Familie nach Sta. Maria gezogen. Dort hat er einen 400 Jahre alten Palazzo umgebaut und bietet nun Aufenthalte für Schreibende und Nachdenkliche an. «Stille» als neues touristisches Label. Das täte sicher auch vielen Politiker gut, mal innehalten zu können in der Stille.

5. Cologna

Ich sehe im Saal die Eltern von Dario und Gianluca Cologna. Wäre das Münstertal eine Wildnis, gäbe es die Erfolgsgeschichte Cologna nicht. So einfach ist das.

Cordial bainvegni famiglia Cologna!

6. Tourismus

Ich weiss. In manchen Gebieten der Alpen – sicher nicht im Münstertal - hat sich eine defätistische Haltung breit gemacht - nach dem Motto:

Wir können nichts mehr für die Entwicklung tun. Subventionen müssen es richten. Mit einer solchen Lehnstuhl-Haltung kommt man natürlich auch nicht weiter.

Wichtig ist, dass man das touristische Potential seiner engeren Heimat erkennt. In Ihrem Falle:

• Die stille, intakte Landschaft, man muss sie nicht in Kanada suchen, wenn sie auch in der Schweiz zu finden ist. Sie ist prädestiniert für Slow Travel, weit weg von der Hektik des Alltags. Tim Krohn hat einen Anfang gemacht.
• Das UNESCO-Weltkulturerbe Kloster St Johann – in dessen spirituelle Stille man sich auch als gewöhnlicher Bürger zurückziehen kann. Mit ausgeschaltetem Handy.
• Der nahe Nationalpark. Er bildet zusammen mit dem Val Müstair das Biosphärenreservat der UNESCO. Ein toller Trumpf: Wer besitzt schon zwei UNESCO-Label zugleich?
• Zusammengefasst: ihr Tal hat Charisma. Und das hat in allen Jahreszeiten eine grosse Anziehungskraft!

Liebe «Tessanda-Familie», liebe Münstertaler.

Ich möchte Ihnen Mut machen. Setzen Sie für die Entwicklung des Val Müstair weiterhin auf Eigeninitiative. Resignation ist Ihnen fremd. Ich denke dabei am heutigen Jubeltag in erster Linie an die «Tessanda» - mit Ihren schönen Produkten von höchster Qualität, produziert auf teils 100 Jahre alten Webstühlen.

Ich erwähne aber auch gerne Ihren nationalen Beitrag zum Erhalt der Kleinstberufe. Die Handweberinnen gehören nämlich auch zu bedrohten Berufsgattungen, wie Silberschmiede, Musikinstrumentenbauer oder Edelsteinfasser.

Heute bezeichnet man Ihre Auszubildenden zwar als Gewebegestalterinnen, aber sie lernen immer noch dasselbe, was Handweberinnen seit Jahrhunderten gelernt haben. Sie bilden sie weiterhin umfassend aus.
Dafür gebührt Ihnen Dank!

7. Käse

Lassen Sie mich aber auch noch auf andere Eigeninitiativen blicken:

Auf die neue Käserei, die im Bau ist. Die Landwirte der Region haben sich zusammengeschlossen für eine neue, biologische Käseproduktion. Ich durfte heute Mittag schon vom ausgezeichneten Münstertaler Käse kosten. Ist es nächstes Mal gar ein St. Johanner Klosterkäse?

Den Appenzeller ist es ja gut gelungen, ein geheimes Rezept für ihren weltberühmten Käse zu sichern. Schauen sie sich vielleicht mal diskret in Appenzell um!

Ein anderer berühmter Schweizer Käse hat ebenfalls eine spannende Geschichte. Dieser Käse wurde in einer russischen Stadt neben Kaliningrad erstmals produziert (zufällig dort, wo unsere Fussball-Nationalmannschaft an der WM Serbien 2:1 geschlagen hat ).

Das Städtchen heisst Sowjetsk. Sagt Ihnen der Name etwas? Vermutlich nicht.
Diese Stadt gehörte bis 1946 zum deutschen Ostpreussen und hiess damals Tilsit. Von welchem Käse spreche ich? Natürlich vom Tilsiter!
Der Thurgauer Milchwirtschafter Otto Wartmann brachte das Rezept nach einer Dienstreise durch Ostpreussen im Jahre 1893 in die Schweiz. Im Weiler Holzhof bei Bissegg im Kanton Thurgau käste er den ersten Schweizer Tilsiter.
Noch heute produziert die Familie Wartmann in vierter Generation den «Ur-Tilsiter».

Sie sehen: Für innovative Ansätze im Käsemarkt hat es noch viel Freiraum! Die Inspiration kann von weit weg herkommen, in die Heimat gebracht und hier mit Swissness verstärkt zum Bestseller gemacht werden.

8. Innovation

Ein gutes Zeichen sei auch, habe ich mir sagen lassen, dass auffallend viele traditionelle Geschäfte im Val Müstair von der nächsten Generation übernommen wurden – mit frischem Wind. Schliesslich wurde das Tourismus-Angebot von jungen Bikern aufgefrischt.
Wenn ich diese Eigeninitiativen überblicke machen Sie das einzig Richtige.

9. EU

Sehr verehrte Damen und Herren

Vielleicht erwarten Sie von mir, dass ich Ihnen als Aussenminister zum Schluss noch ganz kurz über unsere Verhandlungen mit der EU berichte. Ich will es nicht zu kompliziert machen und Sie mit allerlei roten Linien, irgendwelchen Präjudizien und anderen diplomatischen Fachausdrücken langweilen.

Nur eines sage ich: Der Bundesrat will unsere Handelsbeziehungen mit der EU auf eine solide vertragliche Basis stellen: Gemeint sind damit die bilateralen Abkommen. Es geht dabei um unsere Exportwirtschaft – dazu gehört auch die Käseproduktion. Und es geht vor allem um unseren Wohlstand!

Nun aber genug! Heute ist schliesslich ein Festtag! 90 Jahre «Tessanda» -  - ein Jubiläum der besonderen Art!
Ich danke Ihnen und schlage einen Bogen zum Anfang meiner Grussbotschaft:
Sie verwöhnen uns weiterhin nach Strich und Faden!

Grazia per Vossa attenziun!
Grazie per la vostra attenzione!


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Letzte Änderung 20.04.2018

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