«Viel erreicht – neu herausgefordert»

Bern, 19.11.2015 - 40 Jahre Eidgenössische Kommission für Frauenfragen - Referat von Corina Casanova, Bundeskanzlerin

Sie feiern heute ein Jubiläum: Vor 40 Jahren hat der Bundesrat die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen eingesetzt. Sie möchten heute nicht nur feiern, sondern nach vorne blicken und die kommenden Heraus-forderungen identifizieren. Ich danke Ihnen herzlich für die Einladung zu Ihrem Jubiläum. Ich nehme sie gerne zum Anlass, Ihnen meine Gedanken zu diesem Themenkreis vorzustellen.

Aber um in die Zukunft zu blicken, lohnt es sich, kurz zurückzublicken: Vor 40 Jahren, also Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, stand die Welt und mit ihr die Schweiz mitten in einem gesellschaftlichen Umbruch. Die Jugend stellte teilweise zählebige Tabus in Frage, die Friedens-bewegung begann die Dogmen des Kalten Krieges anzuzweifeln und das gesellschaftliche Schlagwort war die Emanzipation der Frauen. „Emanzipation" - für die einen war es eine Selbst-verständlichkeit, für die andern ein ehrgeiziges Ziel, und für Dritte war es ein Schimpfwort. Die Schweizer Frauen hatten - man glaubt es heute kaum - erst seit 5 Jahren das Stimm- und Wahlrecht!

Dans ce climat de renouveau, la fragilité des progrès sur le chemin de l'égalité entre hommes et femmes était néanmoins palpable. Ainsi, si le canton de Genève fut le premier à élire une conseillère aux États en 1971, en la personne de Lise Girardin, il la renvoya à ses fourneaux lors des élections suivantes en 1975.

Ich kann auch aus persönlicher Perspektive in diese Zeit zurückblicken: Der Einsatz der bekannten und der heute zum Teil hier anwesenden Pionierinnen der politischen und sozialen Emanzipation der Frauen in der Schweiz waren in meiner Studienzeit Motivation und Vorbild für mich. Ihre Zeitschrift „Frauen-fragen" habe ich intensiv gelesen, ich sehe sie noch vor meinen Augen, das schräg gestellte, selbstbewusst kräftige „F". Als ich dann in Chur vollzeitlich als Anwältin arbeitete, war ich im Kanton fast die einzige Frau mit diesem Beruf. Eine Kollegin war noch da, Eveline Widmer- Schlumpf. Eine Frau als Anwältin - das war offenbar für viele noch derart ungewohnt, dass ich mich auch an einsame Momente aus dieser Zeit erinnere.

Natürlich ging die Entwicklung weiter, natürlich stieg der Anteil von Frauen an, die in die Parlamente von Bund, Kantonen und Gemeinden gewählt wurden, natürlich erreichten Frauen auch in der Wirtschaft einflussreiche und angesehene Ämter. Aber immer noch gibt es bei bestimmten Themen Diskussionen, noch immer ringt die Gesellschaft um Konsens bei Fragen, die die Frauen betreffen. Als Beispiele nenne ich die Bemühungen um Abbau der Lohndiskri-minierung, was als „Lohnpolizei" diffamiert wird, die Vorschläge für eine Frauenquote für Verwaltungsräte und Konzernleitungen, die Diskussionen um Doppelverdienerpaare, den Ausbau des Mutterschutzes oder Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Es geht immer auch um das, was die Frauen inzwischen erreicht haben. Das wird implizit oder manchmal explizit in Frage gestellt.

Rimettere in discussione quanto acquisito non è soltanto una prerogativa di inguaribili nostalgici, che per motivi politici credono di dover continuare a salvaguardare gli ideali in vigore nella società del XIX (diciannovesimo) secolo. Piuttosto, quello che mi preoccupa sono le rimesse in discussione delle generazioni più giovani: Es sind verblüffenderweise oft jüngere, dynamische und gut ausgebildete Männer und Frauen, die aber immer noch - oder schon wieder - sehr anfällig sind auf traditionelles Rollenverhalten! Es gibt überraschend viele jüngere Frauen, die ein traditionelles Rollenverhalten zeigen, das wir eigentlich überwunden glaubten. Und es gibt, weniger überraschend, nach wie vor viele junge Männer, die sich nur allzu gern auf eine Beziehung einlassen, in der traditionelle Rollenbilder und eine traditionelle Rollenverteilung dominieren.

Man kann es auch positiv sehen und sich daran freuen, wie viele junge Frauen ihre heutigen Freiheiten und ihre heutige gesellschaftliche Stellung für selbst-verständlich nehmen. Sie können sich teilweise überhaupt nicht mehr vorstellen, was es gebraucht hat, damit Frauen so weit gekommen sind. Sie wissen es manchmal einfach nicht, wie lange die Kämpfe gedauert haben und welche Opfer dafür gebracht worden sind. Manchmal wollen sie es auch nicht wahrhaben, dass die Frauen immer noch um ihre vollständige Anerkennung und umfassende Gleichstellung kämpfen müssen!

Même si nous sommes ici pour fêter un anniversaire, il ne faut pas nous leurrer : malgré les succès engrangés, malgré les progrès enregistrés, la route est encore longue.

D'un côté, et il faut saluer sans réserves cette évolution réjouissante, l'économie et la société forment désormais de nombreuses femmes. Les femmes ont les mêmes possibilités de formation que les hommes et, au départ, elles ont les mêmes chances de carrière dans l'économie et la politique.

Aber auf der anderen Seite geht es in der Politik mit den Frauen nur zäh voran. Der Frauenanteil in den Parlamenten stagniert und scheint sich bei rund einem Drittel einzupendeln. 2015 sind wir bei einem Frauenanteil von 32 Prozent angekommen, immerhin wurden noch nie so viele Frauen in den Nationalrat gewählt wie dieses Jahr. Aber von Parität sind wir noch weit entfernt. Ich möchte an dieser Stelle der Präsidentin für ihren Einsatz danken, denn ihr Aufruf: „Frauen wählen" hat sicher zum guten Ergebnis beigetragen.

Die Wirtschaft bildet heute viele Frauen aus und stellt gut ausgebildete Frauen an. Aber der Frauenanteil nimmt ab, je höher die Hierarchiestufe ist. Auf Geschäftsleitungs-ebene sind es 2015 in der Schweiz lediglich 6 Prozent Frauen, in den Verwaltungsräten ist die Vertretung der Frauen mit 15 Prozent schon etwas besser. Es stellt sich also die Frage, warum in der Wirtschaft gut ausgebildete Frauen weniger Gelegenheiten erhalten, ihre Fähigkeiten auch in Spitzenjobs zu zeigen und anzuwenden.

Eine bedeutende Rolle spielt dabei nach meinem Dafürhalten die nach wie vor weit verbreitete Überzeugung, dass Teilzeitarbeit nicht vereinbar sei mit der Tätigkeit an der Spitze eines Unternehmens oder als Verantwortliche für einen Teil des Unter-nehmens. Das mangelnde Verständnis für Teilzeitarbeit schränkt die Karrierechancen für Frauen ein, die Beruf und Kind verein-baren wollen, aber vor allem in den ersten Lebensjahren des Kindes die berufliche Tätigkeit etwas zurückfahren. Die Fest-stellung bleibt leider nach wie vor gültig: Wenn Kinder da sind, kommt häufig der Karriereknick.

Dabei ist längst auch durch die Wissenschaft untermauert, dass Mütter wahre Meisterinnen des „Multitasking" sind. Jede Mutter kennt die Herausforderungen, verschiedene Tätigkeiten zu vereinbaren, dafür kurz-, mittel- und lang-fristig zu planen und die vorhandenen Ressourcen gezielt einzusetzen. Das sind beste Voraussetzungen, um auch die Herausforderungen im wirtschaftlichen Umfeld zu meistern.

È evidente che occorre ancora cambiare modo di pensare. Oggi possiamo affermare che non si tratta più di creare gli strumenti per promuovere la donna o di darle un compenso finanziario sufficiente. È proprio una questione di mentalità!

Ich möchte Ihnen das Umdenken aus eigener Erfahrung schildern und dabei auch auf die Schwierigkeiten hinweisen, die damit verbunden sind. Ich habe in meiner Tätigkeit als Bundeskanzlerin von Anfang an darauf geschaut, dass bei der Bundeskanzlei Teilzeitarbeit für Mitglieder des Kaders möglich geworden ist - und zwar für Frauen und Männer. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass wir in Zukunft statt der klassischen Frauenförderung eine eigentliche Familienförderung brauchen!

Beim Stichwort „Familienförderung" sehen Sie jetzt möglicherweise einen Bezug zu meiner Partei, der CVP. Das ist natürlich nicht falsch. Mir geht es aber mit Familienförderung um sämtliche Formen des Zusammenlebens von Frauen, Männern und Kindern, unabhängig davon, ob das nun eine traditionelle Familie ist oder eine Patchwork-familie, unabhängig davon, ob der leibliche Vater und die leibliche Mutter im gleichen Haushalt leben, und unabhängig davon, ob die Eltern Mann und Frau sind oder Frau und Frau oder Mann und Mann.

Entscheidend ist, dass auch der andere Elternteil als die Mutter an der Kinder-betreuung mitwirken kann. Wer beiden Eltern ermöglicht, an der Kinderbetreuung mitzuwirken, hilft damit, Rollenbilder zu verändern. Es hilft, Mentalitäten zu ändern. Ja, man kann sogar zuspitzend sagen: Familienförderung zieht Frauenförderung nach!

Wenn aber auch die Väter einen substantiellen Anteil an der Kinderbetreuung übernehmen wollen, und das ist glück-licherweise vermehrt der Fall, müssen sie ebenfalls die Möglichkeit erhalten, Teilzeit zu arbeiten, ohne dass dies ihre Karriere knickt. Nur so kommen wir auf dem Weg voran hin zum Ziel, dass die Frage nach der Verein-barkeit von Karriere und Kind nicht ausschliesslich den Frauen gestellt wird. Ich bin persönlich auch überzeugt davon, dass wir Frauen uns effizienter für unsere Anliegen einsetzen können, wenn wir die Männer mit ins Boot holen. Nehmen wir also Anliegen auf, die Männer erheben, um wenigstens einen Teil der Familienarbeit und Betreuung der Kinder übernehmen zu können. Es kommt schlussendlich auch den Zielen der Frauen entgegen und baut einen Teil des gesellschaftlichen Widerstands ab.

Dabei können wir sämtliche Verbündeten und jegliche Unterstützung brauchen.

Denn im Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen haben wir schon Vieles erreicht, aber es muss weitergehen. Gerade die Frauen, die aktiv in Wirtschaft, Kultur und Politik mitwirken wollen, sind mit einer Dreifachbelastung aus Familie, Beruf und Politik konfrontiert. Das wiederum hat zur Folge, dass sie von drei Seiten genau unter die Lupe gestellt werden, am Arbeitsplatz, im Parlament oder als Mutter. Der gesell-schaftliche Druck dabei ist hoch: Die Frauen sehen sich - besonders wenn sie in der Öffentlichkeit sichtbar sind, sei es als Politikerinnen, Kulturschaffende oder sogar in traditionellen Frauenrollen - ohne Scham und Skrupel von allen Seiten mit Vorschriften oder Vorstellungen konfrontiert, die ihr Aussehen, ihre Kleidung, ihre Figur, ihr Gewicht betreffen.

Angesichts solcher gewaltiger mentalitäts-mässigen Herausforderungen, angesichts der offensichtlichen Diskrepanz zwischen den historischen Zielen der Frauenbewegung und den aktuellen Konfliktfeldern, ist es richtig und wichtig, die bisherige Strategie der Gleich-stellung zu überdenken und die nächste Generation von Frauen miteinzubeziehen.

Die eidgenössische Kommission für Frauenfragen hat wesentlich dazu beigetragen, dass wir heute dort sind, wo wir sind. Ich möchte Ihnen für Ihren jahrelangen, unermüdlichen Einsatz ganz herzlich danken! Und ich danke allen Pionierinnen für alles, was sie getan haben, denn sie haben uns den Weg bereitet.

Ein Jubiläum ist eine gute Gelegenheit, darüber nachzudenken und Neues anzupacken. Je salue donc la volonté de la Commission fédérale pour les questions féminines de se pencher aujourd'hui même, alors qu'elle fête ses 40 ans, sur les nouveaux défis à relever. Interpreto come un segnale positivo il fatto che un'organizzazione forte, che ha ottenuto successi e ha dato prova di saper andare controcorrente sia pronta a raccogliere le nuove sfide con rinnovato slancio. Dazu kann ich Ihnen nur gratulieren und Ihnen dafür Kraft, Ausdauer, Witz und gutes Gelingen wünschen! Nehmen Sie den Rhythmus der Musik auf, die wir soeben gehört haben, der Libertango, dann wird es sicher gut.


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Letzte Änderung 20.04.2018

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