Erste Bestandesaufnahme von Mikroplastik in Schweizer Gewässern (Letzte Änderung 12.12.2014)

Bern, 11.12.2014 - Im Auftrag des BAFU hat die ETH Lausanne Schweizer Gewässer auf das Vorkommen von Kunststoff-Kleinstpartikeln – sogenanntes Mikroplastik - untersucht. In den meisten Proben der sechs untersuchten Schweizer Seen und der Rhone wurden Mikroplastik-Partikel nachgewiesen. Obwohl die gemessenen Konzentrationen keine direkte Gefährdung für Umwelt und Wasserqualität darstellen, ist deren Vorkommen in Gewässern unerwünscht und tangiert das geltende Verunreinigungsverbot der Gewässerschutzgesetzgebung.

Über die Verschmutzung der Meere mit Mikroplastik wurden bereits zahlreiche Untersuchungen durchgeführt. Zur Belastung der Binnengewässer hingegen liegen bis heute kaum Angaben vor. Deshalb hat das BAFU die Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne (EPFL) beauftragt, eine erste Bestandesaufnahme in den Schweizer Gewässern durchzuführen und mögliche Auswirkungen aufzuzeigen. 

Zwischen Juni und November 2013 wurden aus Genfersee, Bodensee, Neuenburgersee, Lago Maggiore, Zürichsee und Brienzersee sowie aus der Rhone bei Chancy an der Grenze zu Frankreich Proben entnommen. Diese Proben von der Wasseroberfläche und dem Sand von Stränden wurden auf das Vorkommen und die Art der Kunststoffpartikel mit einer Grösse zwischen 0,3 und 5 mm untersucht.

Mikroplastik in fast allen Proben nachgewiesen

Die Untersuchung der Seen und der Rhone erfolgte mithilfe eines Netzes, das über eine Distanz von 3 bis 4 Kilometern über die Gewässeroberfläche geschleppt wurde. In 27 Proben fanden die Forscher im Mittel circa 0,1 Mikroplastik-Partikel pro Quadratmeter Wasseroberfläche, wobei 7 Proben kein Mikroplastik enthielten. Die Werte einzelner Proben zwischen und innerhalb der Seen variierten stark, was auf Unterschiede in der Belastung der ufernahen beziehungsweise uferfernen Zonen sowie auf zeitlich stark schwankende Einträge in die Seen hindeutet. So wurden beispielsweise die höchsten Konzentrationen nach einem Gewitter gemessen, was darauf schliessen lässt, dass Mikroplastik von abfliessendem Niederschlagswasser mitgeschwemmt wird. Die Bevölkerungsdichte im Einzugsgebiet hatte keinen Einfluss auf das Ausmass der Belastung.

Ausgehend von den Ergebnissen aus der Rhone wurde geschätzt, dass circa 10 kg Mikroplastik pro Tag durch den Fluss nach Frankreich transportiert werden und somit zur Meeresverschmutzung beitragen können.

Von den 33 Sandproben, die an den Stränden der untersuchten Seen entnommen wurden, waren zwölf frei von Mikroplastik. Die Belastung betrug im Mittel circa 1000 Mikroplastik-Partikel pro Quadratmeter.

Der grösste Teil des Mikroplastiks in den Proben (Wasser und Strände) entfiel auf Kunststofffragmente, vorwiegend  aus Polyethylen (PE) oder Polypropylen (PP), welche typischerweise in Verpackungen vorkommen. Die zweithäufigste Kategorie bildeten Schaumstoffe von Isolationsmaterialien (siehe Kasten 1).

Keine unmittelbare Gefährdung der Umwelt und der Gesundheit

Die gemessenen Konzentrationen zeigen, dass natürliche organische Partikel und somit potenzielle Nahrung für planktonfressende Organismen gegenüber Mikroplastik überwiegen. Immerhin enthielten aber drei von 40 untersuchten Fischen und acht der neun gefundenen und untersuchten Vogelkadaver im Verdauungstrakt kleine Mengen an Mikroplastik. Aus diesen ersten Beobachtungen lassen sich aber nur schwer Rückschlüsse ziehen. Gemessen am Gefährdungspotential ist Mikroplastik gegenwärtig kein vordringliches Problem für die Wasserqualität der Schweizer Gewässer - im Gegensatz zu Mikroverunreinigungen, beispielsweise durch Pestizide.

Die Gefahr, dass Mikroplastik via Grund- oder Seewasser ins Trinkwasser gelangt, wird als gering eingestuft. Mikroplastik wird durch Filtration bei der Trinkwasseraufbereitung aus dem Wasser entfernt. Aus heutiger Sicht besteht daher kein gesundheitliches Risiko für den Menschen. Zudem dürften nur relativ geringe Schadstoffmengen aus dem Mikroplastik in die Gewässer transportiert werden.

Eintrag von Kunststoffen in die Umwelt vermindern

Kunststoffe werden in den Gewässern nur sehr langsam abgebaut. Die Belastung der Gewässer mit Mikroplastik ist unerwünscht und tangiert das geltende Verunreinigungsverbot der Gewässer. Es sind Massnahmen an der Quelle nötig, um die Belastung der Umwelt mit Kunststoff zu verringern (siehe Kasten 2).

Diese erste Bestandesaufnahme muss ergänzt werden durch zukünftige Studien über die relativen Beiträge von Quellen wie Abwasserreinigungsanlagen, Fliessgewässer, Regenwasserentlastungen und Strassenentwässerungen sowie die Umweltrelevanz von Kunststoffpartikel, die kleiner sind als 0,3 mm.

 

KASTEN 1
Arten von Mikroplastik, die gefunden wurden

Mit 60 % der in den Wasserproben nachgewiesenen Partikel dominierten Kunststofffragmente, vorwiegend aus Polyethylen (PE) oder Polypropylen (PP). 10 % der Partikel bestanden vorwiegend aus expandiertem Polystyrol (EPS), das häufig in Isolationsmaterialien verwendet wird. Weitere häufig gefundene Partikel-Typen sind Folien oder Fasern.

In den Sandproben gehörten die Partikel zu 50 % der Kategorie Schaumstoffe an. Nachgewiesen wurde auch der Kunststoff Celluloseacetat, aus dem Zigarettenfilter hergestellt werden.

Industriell hergestelltes Mikroplastik, wie beispielsweise die in Pflegeprodukten verwendeten PE-Kügelchen, machte nur einen verschwindend kleinen Anteil des gesamten Mikroplastiks aus.

 

KASTEN 2
Massnahmen des Bundes

An einem runden Tisch suchen Bund, Kantone, Städte und Gemeinden sowie Vertreter des Detailhandels und der Kunststoffindustrie nach Lösungen für ein verbessertes Recycling, das neben PET- und PE-Verpackungen auch andere Kunststoffe umfassen soll. Analog organisiert das BAFU in seiner koordinierenden Rolle seit einigen Jahren einen runden Tisch zu Massnahmen gegen Littering. Dessen Bekämpfung ist Sache der Kantone und Gemeinden. Weitere Massnahmen, wie Verzicht oder Reduktion von Kunststoffen in gewissen Anwendungen oder Verbesserung der Qualität, müssen ebenfalls angestrebt werden.

Zur Minderung der Belastung der Meere mit Kunststoffen verfolgt der Bund ein international koordiniertes Vorgehen, unter anderem im Rahmen des Vertrags zum Schutz der Nordsee und des Nordostatlantiks (OSPAR) und der Internationalen Kommission zum Schutze des Rheins (IKSR).


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Letzte Änderung 20.04.2018

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