Landwirtschaft und Ernährungssicherheit

Bern, 19.06.2013 - Rede von Bundespräsident Ueli Maurer anlässlich der Jubiläums-DV „20 Jahre Fenaco“ vom 18. Juni 2013 in Luzern

Es gilt das gesprochene Wort

Eine alte Volksweisheit sagt, dass der Soldat und der Bauer nur in der Not etwas gelten. Daran hat sich nicht viel geändert; das können Sie und ich bezeugen. Ich erlebe das als Departementschef VBS, wenn über Armee und Landessicherheit diskutiert wird. Und Sie spüren es, wenn über Landwirtschaftspolitik debattiert wird.

Wenn man in Frieden und Wohlstand lebt, werden die Grundbedürfnisse zur Selbstverständlichkeit:

Man fühlt sich sicher, weil das Land nicht sichtbar bedroht ist. Und man sieht den Nutzen der heimischen Landwirtschaft nicht, weil man nie Hunger hat und die Regale in Coop und Migros ja immer voll sind.

Das ist vielleicht verständlich. Aber es ist bestimmt verhängnisvoll. Ich glaube nicht an den ewigen Frieden. Und ich zweifle, dass die Welt ein Supermarkt ist mit einem permanent üppigen Angebot, aus dem wir uns einfach und selbstverständlich bedienen können.

Ich möchte heute diesem sorglosen Augenblicksdenken zweierlei entgegensetzen: In einem ersten Schritt werde ich aktuelle Entwicklungen und Trends skizzieren um dann in einem zweiten Schritt daraus Eckwerte einer Strategie für eine künftige Landwirtschaftspolitik abzuleiten.


I Übersicht der Trends und Entwicklungen

Weltbevölkerung nimmt zu

Die Weltbevölkerung nimmt zu. Und das sehr schnell: Bevölkerungsstatistiker rechnen mit einem jährlichen Wachstum von um die 80 Millionen Menschen. Das ergibt pro etwa 12 bis 13 Jahre ein Wachstum von einer Milliarde - Tausend Millionen Menschen mehr, die auch jeden Tag essen und trinken müssen.

Nahrungsmittelpreise steigen

Das massive und schnelle Wachstum heisst: Die Nachfrage steigt, die Ressourcen werden knapper. Ob es sich nun um Öl, Wasser, Rohstoffe oder Nahrungsmittel handelt.

Und was knapp ist, wird teuer. Auch wenn die Höchstpreise von 2008 bei den meisten Produkten nicht mehr erreicht werden, so sind sie doch immer noch auf sehr hohem Niveau. Am 6. Juni hat die OECD eine Prognose zu Lebensmittelpreisen bis 2022 veröffentlicht: Gerechnet wird mit steigender Nachfrage aus Schwellenländern und mit weiter steigenden Preisen. Zudem wird vor Preisschwankungen gewarnt.

Nahrungsmittel haben politische Bedeutung

In den letzten Jahren ist es immer wieder zu ganz massiven Preissteigerungen gewisser Grundnahrungsmittel in gewissen Regionen gekommen. Die meisten Länder können das weder wirtschaftlich noch politisch verkraften - als Beispiele: Die Welternährungsorganisation FAO berechnete für 2006 bis 2008 einen Anstieg der internationalen Grundnahrungsmittel um 60%, für Getreide um 100%.
Die Mais-Krise in Mexiko sowie Hunger-Unruhen in Afrika und Asien waren die Folge. Und auch die Revolten in Nordafrika und im arabischen Raum werden oft in einen engen Zusammenhang mit dem Anstieg der Grundnahrungsmittelpreise gebracht.

Nahrungsmittel erhalten eine weltstrategische Bedeutung

Was knapp und teuer ist, erhält auch eine weltstrategische Bedeutung. Wir sehen das beim weltweiten Wettlauf der Grossmächte um Ressourcen. Dieser ist nicht neu: Dass zum Beispiel Öl ein strategisches Gut ist, ist allgemein bekannt. Aber mit steigender Nachfrage erhalten auch andere Güter eine strategische Wichtigkeit, nicht zuletzt Nahrungsmittel.

Wenn es um Energieträger und andere Rohstoffe geht, können wir schon heute von einem Wettlauf um Ressourcen sprechen. Mit Investitionen, Verträgen und politischer Einflussnahme versuchen westliche Staaten und aufstrebende Staaten Asiens die Deckung ihres Bedarfes zu sichern - und den andern zuvorzukommen.

Der Ressourcenwettlauf betrifft vermehrt auch Nahrungsmittel: Staaten wie China zum Beispiel kaufen sich grosse Flächen wertvollen Landwirtschaftslandes auf der ganzen Welt zusammen. Man spricht von land grabbing.

Wir können es so zusammenfassen: Die Ressourcenknappheit wird uns in Zukunft beschäftigen. Und wenn wir von Ressourcenknappheit reden, beschränkt sich diese nicht mehr nur auf Erdöl, sondern betrifft auch Lebensmittel. Das wird vielerlei Auswirkungen haben, auch politische. Es ist nicht übertrieben, von einer neuen weltpolitischen Bedeutung der Nahrungsmittel zu sprechen.

Die internationale Transport-Logistik wird immer komplexer und damit auch verletzlicher

Man sagt, die Welt werde kleiner, sie werde ein Dorf. Diesen Eindruck kann man tatsächlich erhalten, so wie Waren ausgetauscht werden, so wie die Menschen reisen und wie wir das Weltgeschehen mitverfolgen, als passierte es in der eigenen Stube.

Aber dieser Eindruck täuscht. Die Distanzen schrumpfen ja nicht, nur die Verbindungen werden besser. Und mit diesen Verbindungen steht und fällt dann alles. Der internationale Warenaustausch wird immer komplexer und damit auch anfälliger für Störungen.

Ohne reibungslos funktionierendes Kommunikations- und Transportsystem bricht die globalisierte Weltwirtschaft zusammen. Das macht unsere moderne Welt so verletzlich. Denn wir haben keine Garantie, dass die Transportwege immer offen sind und die Kommunikation immer funktioniert. Nicht nur Land- und Wasserrouten, auch die virtuellen Verbindungen können unterbrochen werden. Immer mehr basiert die Transport-Logistik auf Informatiksystemen und dem Internet. Auch da ist die Verletzlichkeit hoch.

Man spricht heute vom Cyber-War, dem Krieg im Internet. Wir stehen da am Anfang einer neuen Entwicklung. Allgemein weiss man darüber noch nicht viel, ausser dass er täglich stattfindet. Und dass wir davon ausgehen müssen, dass Cyber-Attacken unsere modernen Kommunikationsmittel zumindest zeitweise lahmlegen können.

Wenn wir es kurz und bildlich zusammenfassen: Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen unseren Dörfern und dem „globalen Dorf". Im Dorf gehen wir schnell über die Strasse zum Nachbarn, wenn uns dummerweise ein Kilo Mehl fehlt. Wir Schweizer können aber nicht einfach um die Ecke anklopfen, wenn unserem Land beispielsweise das Brotgetreide ausgegangen ist.

Plötzlich ist man froh, man hat einen eigenen Bauernstand und bezieht nicht alles vom andern Ende der Welt.

Die internationale Kooperation wird instabiler

Bis vor kurzem glaubten viele, die Welt und insbesondere Europa würden zu einer Staatengemeinschaft zusammenwachsen. Die wirtschaftliche Verflechtung ergebe eine globale Arbeitsteilung: Jeder macht das, was er am besten kann - und das weltweit.

Seit der Finanzkrise und den Schulden-Krisen in EU-Staaten ist diese Entwicklung in Frage gestellt. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Volkswirtschaften sind nicht kleiner geworden, im Gegenteil!

In welche Richtung sich die EU entwickelt, ist offen. Was mit dem Euro geschieht ebenfalls. Verschiedene EU-Staaten taumeln wirtschaftlich am Abgrund. Gleichzeitig ist unter dem Druck der Krise die Auseinandersetzung auch zwischen an sich befreundeten Staaten härter geworden - in der Not ist halt doch jeder sich selbst am nächsten.

Die harte Interessenpolitik hat auch die Schweiz zu spüren bekommen, weil sie freiheitlicher und damit erfolgreicher ist als andere. Wir haben erlebt, dass die Grossmächte vermehrt auf Macht statt auf Recht setzen. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns bewusst sein, dass uns jede Abhängigkeit erpressbar macht. 

Fazit

Ich bin überzeugt, dass die Bedeutung der Lebensmittel und der Ernährungssicherheit wieder zunehmen werden. Die Anzeichen sprechen dafür: Die Ressourcen auf der Welt werden knapper, die internationale Vernetzung und der Warenaustausch werden störungsanfälliger, die internationale Kooperation wird instabiler.


II Eckwerte einer Strategie

Aus diesen Gründen erhalten Lebensmittel eine neue, wichtige Bedeutung. Darauf müssen wir Antworten finden. Damit komme ich zum zweiten Teil meines Referates: Zu den Eckwerten einer Strategie für die Zukunft.

1. Langfristiges Denken anstreben

Sowohl unsere Sicherheitspolitik als auch unsere Landwirtschaftspolitik werden heute von kurzfristigen Überlegungen dominiert. Wir gehen einfach von der heutigen Situation aus und übertragen diese in die Zukunft. Eine Strategie aber muss sich mit Risiken befassen und darauf Antworten finden.

Wenn die Ressourcen auf der Welt knapper, die internationale Vernetzung und der Warenaustausch störungsanfälliger und die internationale Kooperation instabiler werden, ändert das die Grundannahmen unserer bisherigen Landwirtschaftspolitik.

Konkret heisst das: Wir dürfen nicht mehr länger blind darauf vertrauen, dass wir uns jederzeit von der prall gefüllten Vorratskammer im globalen Dorf ernähren können. Wir sollten darum die weltweiten Entwicklungen stärker in unsere Überlegungen zur Landwirtschaft einbeziehen. Internationalisierung und Strukturwandel sind zu hinterfragen, unsere Stärke - die einmalig hohe Qualität - ist dagegen weiterhin zu pflegen.

2. Möglichst hohe Autonomie

Wir wollen nicht von andern abhängig und damit erpressbar sein. Wir beziehen Waren aus Ländern, die politisch alles andere als stabil sind. Damit wird deren Instabilität auch zu unserem Problem. Das spricht nicht gegen den Handel mit solchen Staaten. Allerdings spricht es dagegen, sich in deren Abhängigkeit zu begeben, falls es vermeidbar ist.

Aber nicht nur die Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter ist heikel, auch totale Abhängigkeit vom Weltmarkt kann bei lebenswichtigen Gütern wie Nahrungsmitteln problematisch sein.

Für mich ist darum klar, dass die Landwirtschaft nicht einfach eine wirtschaftliche Angelegenheit ist, die nach ökonomischen Grundsätzen optimiert werden soll. Es geht um die Versorgung mit Lebensmitteln. Wie es das Wort sagt: Um Mittel zum Leben und Überleben.

In Krisensituationen wollen wir uns nicht auf das Ausland verlassen, sondern im Notfall alleine bestehen können. Ein Land, das eine seriöse Sicherheitspolitik betreibt, muss sich um die Versorgungssicherheit kümmern. Die Landwirtschaft erfüllt eine Aufgabe im Landesinteresse; sie leistet einen Beitrag zur Wahrung unserer Souveränität und sichert uns Handlungsspielraum. Wie bei der Armee geht es letztlich um Krisenprävention und Sicherheit. Das ist nie gratis zu haben. Das kostet.

3. Gute und gesunde Produkte

Wir setzen auf Qualität, seit jeher. In allen Bereichen. Schweizer Qualität ist ein Markenzeichen, ein Wesensmerkmal unseres Landes. Da wollen wir bei den Nahrungsmitteln gewiss zuletzt darauf verzichten. Schliesslich geht es um unsere Gesundheit und um den Umgang mit Natur und Umwelt. Eine Industrielandwirtschaft mit Tiertransporten quer durch Europa kann uns Schweizern einfach nicht sympathisch sein.

Unsere heimischen Lebensmittel zeichnen sich durch weltweit höchste Qualität aus. Das ist ein Wettbewerbsvorteil: Wer Schweizer Produkte kauft, der muss sich nicht vor einem Lebensmittelskandal fürchten.

Die hohe Qualität hat aber auch direkte Auswirkungen auf die gesunde Ernährung der Bevölkerung und somit auf die Volksgesundheit sowie die Gesundheitskosten. Und vor allem sind gute und gesunde Produkte auch Lebensqualität.

Wir wollen also weiterhin auf Qualität setzen. Das setzt aber eine professionelle Landwirtschaft voraus - und damit bin ich beim nächsten Punkt ...

4. Professionelle Landwirtschaft

Es ist toll, dass sich viele Leute hobbymässig mit Landwirtschaft befassen. Aber es ist tragisch, wenn richtige Bauern mit ihrem Betrieb so wenig verdienen, dass sie sich eine andere Arbeit suchen müssen und den Hof nur noch in der Freizeit betreiben können.

Und es ist noch mehr als nur tragisch: Wenn wir unsere Landwirte von fähigen Berufsleuten zu Hobby-Bauern degradieren, verlieren wir unglaublich viel Know-how. Denn diese Berufsleute verfügen über das Wissen, wie wir die weltbesten Nahrungsmittel herstellen. Verlieren sie ihre Existenzgrundlage, verliert unser Land dieses Know-how und damit natürlich auch seinen hohen Qualitätsstandard. Das würde uns Jahrzehnte zurückwerfen.

Und im Krisenfall ist es noch schlimmer, da ist es bei der Landwirtschaft wie bei der Armee: Man kann sie nicht einfach in wenigen Jahren wieder aufbauen. In der Krise kann man nicht mehr wettmachen, was man vorher versäumt hat. 

5. Produzierende Landwirtschaft

Eine ökologisch nachhaltige Produktion ist wichtig und stärkt das Vertrauen der Konsumenten in die Produkte. Aber wir müssen aufpassen, dass wir den Bogen nicht überspannen: Es kann nicht sein, dass vor lauter Nachhaltigkeit nicht mehr produziert werden kann. Alpenrosen sind schön, aber wir können sie nicht essen.
Die Landwirtschaft soll eine Produktionsbranche sein, die eine Bedeutung für die Volkswirtschaft hat und nicht nur für die Landschaftspflege. Bauern sind Unternehmer und brauchen auch den nötigen Handlungsspielraum für unternehmerische Innovation.

Mit der Überregulierung würgen wir kreative Entwicklungen der Branche ab. Oder anders gesagt: Zuerst schreibt man alles vor, und dann kritisiert man mangelndes Anpassungsvermögen an Marktentwicklungen.

6. Verarbeitende Industrie

Was für die Herstellung gilt, gilt auch für die Weiterverarbeitung. Wir setzen alles auf die Qualität, hohe Standards sind wichtig. Aber passen wir auf, dass wir nicht mit unsinniger Überregulierung die Nahrungsmittelindustrie gegenüber ausländischen Konkurrenten schwächen oder sie zur Abwanderung ins Ausland zwingen.

Produktion und Verarbeitung sind Zwillinge. Die Fenaco verbindet dies auf vorbildliche, professionelle Art und Weise. Es wurden in den letzten Jahren diesbezüglich mutige und weitsichtige Entscheide gefällt. Es liegt auch an der Politik, hier keine unnötigen Barrieren zu bauen. Ernährungssicherheit heisst Produktion und Verarbeitung miteinander weiter zu entwickeln.

7. Verbundenheit mit Land und Bauernstand

Noch ein Schlussgedanke: Bei der Landwirtschaft geht es naturgemäss um Existenzielles. Früher nannte man den Bauernstand Nährstand. Das trifft die Bedeutung gut: Der Nährstand, das sind die Frauen und Männer, die das Volk ernähren. Das sind die Frauen und Männer, die dafür sorgen, dass genügend, dass gesundes und gutes Essen da ist. Das sind die Frauen und Männer, die für unsere Ernährungssicherheit sorgen.

Wenn wir die Landwirtschaft so ansehen, treten die Detailfragen alle in den Hintergrund. Denn es geht um viel. Eigentlich um alles: Es geht um unser „täglich Brot". Dafür haben Generationen vor uns schon auf ihrem Hof hart gearbeitet und mit dem „Vater unser" gebetet. Die Nahrung, das tägliche Essen, die Arbeit, um sich „sein Brot zu verdienen", das hat unsere Geschichte, unser Brauchtum und unsere Traditionen geprägt.

Schweizer Nahrungsmittel stehen für Schweizer Qualität, für eine Verbundenheit mit der Heimat, für die schöne, gepflegte Landschaft, für artgerechte Haltung der Tiere, für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt, für einen gesunden Bauernstand, der Brauchtum und Traditionen lebt.

Ganz allgemein: Für einen emotionalen Bezug zu unserem Land, das uns seit Jahrhunderten „unser täglich Brot" gibt. Ein Land ohne Landwirtschaft, ein Land ohne Bauernstand verliert den Bezug zur Vergangenheit, zur Natur, zur Tradition, zum Brauchtum, zur Scholle - und somit verliert es seine Werte und Wurzeln.

Ein solches Land wird nicht mehr lange Bestand haben.


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Letzte Änderung 20.04.2018

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