Invalidität und Migration: Zwei Studien

Bern, 10.06.2010 - Die Tatsache, dass bestimmte Gruppen der ausländischen Bevölkerung verhältnismässig häufiger als Schweizerinnen und Schweizer und auch häufiger als andere Ausländergruppen eine Rente der IV erhalten, gibt regelmässig Anlass zu Kontroversen. Zwei Studien des Bundesamts für Sozialversicherungen BSV bringen nun erstmals Licht in diese Angelegenheit und Antwort auf entsprechende Fragen.

Gemäss der IV-Statistik variiert die Neuberentungsquote für Personen im erwerbsfähigen Alter je nach Herkunft stark: Am höchsten lag diese Quote im Jahr 2007 bei den türkischen Staatsangehörigen mit 0,83 Prozent, gefolgt von den Personen aus Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Bei Zugewanderten aus den traditionelleren Gastarbeiterländern Italien, Spanien und Portugal wurden Quoten zwischen 0,37 und 0,53 Prozent verzeichnet. Für Schweizerinnen und Schweizer lag die Neuberentungsquote im Jahr 2007 bei 0,29 Prozent und für Personen aus Frankreich, Deutschland, Österreich und Grossbritannien noch tiefer. Um den Gründen für diese Unterschiede auf die Spur zu kommen, hat das BSV dazu zwei Studien durchführen lassen.

Die eine Studie befasst sich mit den Verfahren bei der Abklärung von Gesuchen durch die IV-Stellen und weist nach, dass ein möglicher Rentenanspruch bei den Migrantinnen und Migranten mindestens ebenso gründlich abgeklärt wird wie bei Schweizerinnen und Schweizern. Es lassen sich im IV-Verfahren keine Faktoren finden, die zu einer unterschiedlichen Berentungswahrscheinlichkeit führen.

Soziale Unterschichtung und gesundheitliche Lage

Die zweite Studie vergleicht die soziale und gesundheitliche Lage der Bevölkerungsgruppen. Sie lässt darauf schliessen, dass die Ursache höherer Neuberentungsquoten – neben der beruflichen und sozialen Unterschichtung – vor allem in einer erhöhten Vulnerabilität und einem schlechteren Gesundheitszustand dieser Bevölkerungsgruppen zu suchen ist. Alle diese Faktoren erklären zusammen mehr als 90 Prozent (bei Personen aus Ex-Jugoslawien) bzw. rund drei Viertel (bei Türk/innen) der unterschiedlichen Neuberentung.

Die Gründe, die zu einer Rente der IV führen, liegen somit in der Regel bereits in den «vorgelagerten» Systemen und Situationen wie Bildung, Gesundheitswesen, Arbeitsmarkt und soziale Integration und müssen zusammen mit diesen angegangen werden. Entsprechende Bemühungen sind auch bereits in Gang (vgl. Kasten).

Nationales Programm Migration und Gesundheit (2008-2013)

Das Nationale Programm Migration und Gesundheit (2008-2013), das durch das Bundesamt für Gesundheit umgesetzt wird, umfasst Massnahmen und Projekte in den Bereichen Prävention, Gesundheitsversorgung, Bildung und Forschung. Ziel ist es, den im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung gesamthaft schlechteren Gesundheitszustand der eingewanderten Bevölkerung zu verbessern und deren Integration zu fördern. In diesem Rahmen wird gegenwärtig ein zweites Gesundheitsmonitoring der Migrantinnen und Migranten in der Schweiz durchgeführt.

Migrantinnen und Migranten mit niederem sozialem Status haben oft Verständigungsschwierigkeiten im Kontakt mit dem schweizerischen Gesundheits- und Sozialversicherungssystem. Der Einsatz von professioneller Übersetzung, der im Rahmen des Programms Migration und Gesundheit gefördert wird, führt in der Regel zu einer Verbesserung der Behandlungs- und Pflegequalität. In der Schweiz sind bereits 650 Personen als interkulturelle Übersetzerinnen und Übersetzer zertifiziert.


Adresse für Rückfragen

Tel. 031 322 91 32, Stefan Ritler, Vizedirektor BSV, Leiter Geschäftsfeld Invalidenversicherung



Herausgeber

Bundesamt für Sozialversicherungen
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Letzte Änderung 20.04.2018

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